Häusliches Glück und Rettung der Menschheit. Die Familie von Fellenberg und die Schulen von Hofwyl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Nom de l'auteur
Denise
Wittwer Hesse
Type de travail
Thèse
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Albert
Tanner
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
1999/2000
Abstract

„Une franche et solide Républiquaine de Raison autant que de bon Coeur“ zu heiraten, mit ihr ein „häusliches Glück“ zu finden, sich durch Erziehung und Ausbildung der Mitmenschen für das Allgemeinwohl einzusetzen und so zur „Rettung der Menschheit“ beizutragen, dies waren die erklärten Lebensziele des Berners (Philipp) Emanuel v. Fellenberg (1771–1844). Um diese Lebensziele zu verwirklichen, gründete der durch die Aufklärung geprägte Patrizier und überzeugte Republikaner im Jahr 1808 zusammen mit seiner Frau Margarethe Tscharner (1778–1839) auf dem Landgut Wylhof bei Münchenbuchsee ein „Institut für Söhne höherer Stände“, dem in einem Zeitraum von vierzig Jahren weitere Erziehungsinstitute – insbesondere eine Armenschule und eine Realschule – angegliedert wurden.

 

Diese unter dem Namen „Hofwyl“ zusammengefassten Anstalten existierten in einer Zeit, die von Veränderungen auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene geprägt war. Der Wandel der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im ausgehenden Ancien Régime und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Lebensführung der eidgenössischen Führungsschichten, die sich insbesondere nach 1798 den veränderten Verhältnissen anpassen mussten. In dieser „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) oder „Übergangsperiode“ (Ilja Mieck) bildete sich allmählich eine Gesellschaft, in welcher nicht mehr nur der angeborene Stand, sondern vermehrt die Leistung eines jeden Einzelnen für die soziale Position massgebend war. Das Bürgertum beanspruchte verstärkt die Teilhabe an der politischen Macht.

 

Die Dissertation untersucht, wie die alte Elite auf diesen gesellschaftlichen Veränderungsprozess reagierte und wie insbesondere der erwähnte Lebensentwurf von Emanuel v. Fellenberg in der praktischen Umsetzung das Schicksal seiner ganzen Familie prägte. „Familie“ wird dabei nicht nur als eine auf die Kernfamilie reduzierte und isolierte Einheit bestehend aus Vater, Mutter und Kindern verstanden, sondern als eine grössere soziale Gruppe, die sich aufgrund der unterschiedlichen Lebenszyklen der einzelnen Familienmitglieder ständig verändert hat. Durch einen solch weit gefassten Familienbegriff war deshalb auch das verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungsnetz der Familie v. Fellenberg von Interesse, das für die Wahrung des sozialen und ökonomischen Kapitals, das heisst des Standes und Besitzes, für die Verteidigung von Familienpositionen, für die Versorgung von Nachkommen sowie die Verhinderung des Aussterbens der Familie von Bedeutung sein konnte. Weiter wurden die Erziehungsideale, die Beteiligung der einzelnen Familienmitglieder am Betrieb des Unternehmens, die internationale Ausstrahlung der Hofwyler Anstalten sowie die Position eines solchen Privatinstituts im Rahmen des staatlichen Schulwesens untersucht.

 

Quellenbasis war hauptsächlich die umfangreiche Korrespondenz des Familienarchivs v. Fellenberg, welches sich in der Burgerbibliothek Bern befindet. Es wurden über 700 Briefe, die sich vor allem Familienmitglieder geschrieben haben, mithilfe einer Datenbank einer detaillierten Analyse unterzogen. Solche privaten Briefe sind mit dem zunehmenden Interesse der Geschichtswissenschaft an mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen in den 1980er und 1990er Jahren als Teil einer Quellengattung, die unter den Begriffen „Selbstzeugnisse“ oder „Ego-Dokumente“ subsumiert wird, stärker in den Vordergrund gerückt.

 

Die wirtschaftliche Grundlage der Schulen von Hofwyl bildete ein landwirtschaftliches Mustergut, das Emanuel v. Fellenberg nach dem Vorbild der aufgeklärten ökonomischen Patrioten des 18. Jahrhunderts aufgebaut hatte. Sein Hauptaugenmerk richtete er aber zusammen mit seiner Frau auf die Pädagogik. Sie verbanden dabei die Erziehung der eigenen Kinder mit den Bemühungen um die Ausbildung von Kindern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten.

 

Allerdings ging es im „Erziehungsstaat Hofwyl“ nicht darum, über einen gemeinsamen Unterricht die Standesunterschiede aufzuheben. Vielmehr erhielt jeder Zögling die seinem sozialen Status entsprechende Ausbildung. Ein Netz von ähnlich konzipierten Schulen im Inund Ausland sollte die Hofwyler Ideale in die ganze Welt tragen.

 

Die eigene Familie war also die Keimzelle des pädagogischen Experimentes „Hofwyl“. Emanuel und Margarethe v. Fellenberg investierten aus diesem Grund viel Zeit und Geld in das körperliche und geistige Wohlergehen ihrer Kinder. Familie und Verwandtschaft bildeten ein tragendes Beziehungsnetz, das durch regelmässige Kontakte – sei es durch Besuche, sei es durch Briefe – gep egt wurde. Traditionelle Strategien wie gegenseitige Patenschaften und vorteilhafte Heiratsverbindungen, aber auch eine angemessene Beteiligung in den politischen Gremien sowie vermögenserhaltende Instrumente wie eine Familienkiste sollten das Fortbestehen des gesamten Geschlechts sichern. Der Lebensstil, den die Fellenbergs in Hofwyl p egten, war desgleichen noch geprägt von traditionellen Leitbildern und Normen. Die häusliche Geselligkeit der Familie spielte sich in einem begrenzten Kreis von Verwandten und Freunden ab. Die zahlreichen Reisen, die einzelne Familienangehörige unternahmen, weisen jedoch auch auf eine grundsätzliche Offenheit und Neugier sowie auf ein Interesse für die sich rasch verändernde Umwelt hin.

 

Die Schulen von Hofwyl waren als eigentliches Familienunternehmen konzipiert, in dem jedem Familienmitglied bestimmte P ichten oblagen. Die Aufgaben waren dabei geschlechtsspezifisch verteilt. Die Söhne kümmerten sich zusammen mit dem Vater um die Gesamtleitung der Schulen und übernahmen Teilpensen im Unterricht der älteren Zöglinge, die Töchter halfen der Mutter bei der Betreuung der kleineren Zöglinge und bei der Führung des Grosshaushaltes. Unterstützung erhielt die Familie durch Angestellte, die als Erzieher, Gouvernanten, Fachlehrer, Handwerker, Knechte und Hausangestellte den reibungslosen Betrieb sicherstellen sollten.

 

Emanuel v. Fellenberg verfolgte stets eine Doppelstrategie, um das Fortbestehen seiner Anstalten zu sichern. Er strebte praktisch seit Beginn eine Übernahme seiner Schulen durch den Staat an. Hier waren neben charakterlichen Unverträglichkeiten zwischen ihm und den zuständigen Amtsinhabern die politischen Entwicklungen dafür verantwortlich, dass dieser Plan schliesslich scheiterte. Die Tendenz im schweizerischen, ja im europäischen Schulwesen ging in Richtung verstärkter staatlicher Kontrolle. Grundsätzlich befürwortete Fellenberg diese Entwicklung, da sie die Elementarausbildung, die allen Kindern zu Gute kommen sollte, vereinheitlichte und institutionalisierte. Die Aufsicht über den Unterricht und die Lehrinhalte in Hofwyl, welche insbesondere die liberale bernische Regierung nach 1831 ausüben wollte, widerstrebte jedoch seinem unabhängigen Geist, so dass er auch mit ihr keine Einigung zur Übernahme der Anstalten erzielen konnte. Die Weiterführung der Schulen durch die eigenen Kinder scheiterte ebenfalls. Ihre Lebensentwürfe waren nicht auf das elterliche Ideal der allumfassenden „Rettung der Menschheit“ ausgerichtet, sondern auf das Wirken in einem Gebiet, das ihren Neigungen eher entsprach. Ihre landwirtschaftlichen Betriebe und ihre Bemühungen um die Verbesserung der Lebensbedingungen der ärmeren Schichten der Gesellschaft im In- und Ausland zeugen von einer anderen Schwerpunktsetzung.

 

Das Erziehungsmodell, das Emanuel und Margarethe v. Fellenberg in Hofwyl anstrebten, erwies sich in letzter Konsequenz als die Quadratur des Kreises. Die Familienerziehung, welche die Sozialisation in der eigentlichen Familie ersetzen sollte, liess sich mit der ständigen Vergrösserung der Schulen je länger, je weniger aufrechterhalten. Die Erziehung nach Ständen, welche die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen nicht in Frage stellte und sie sogar zementierte, wurde immer kritischer hinterfragt. Auch wenn Fellenbergs Kinder und Schwiegerkinder nach seinem Tod ganz in seinem Sinne die Leitung der Schulen übernahmen, fehlte doch das Charisma des Gründers, das zu seinen Lebzeiten stets neue Zöglinge aus aller Welt nach Hofwyl geführt und somit die Rentabilität der Schulen garantiert hatte. Das pädagogische Experiment scheint vor diesem Hintergrund gescheitert zu sein. Dieses Urteil ist aber zu einseitig. Die Fellenbergs haben mit ihren Anstalten in einer Zeit des Umbruchs, in der noch wenig reglementiert und vieles möglich war, verschiedenen Bereichen des Schulwesens in der Schweiz und im Ausland Impulse gegeben, die von anderen pädagogisch Interessierten aufgenommen und schliesslich in der einen oder anderen Form verwirklicht wurden.

 

Die Dissertation ist im November 2002 unter dem Titel „Die Familie v. Fellenberg und die Schulen von Hofwyl. Erziehungsideale, ‚häusliches Glück‘ und Unternehmertum einer bernischen Patrizierfamilie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ als 82. Band der Reihe Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern erschienen.

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