Die bürgerlichen Werte Ehe und Familie sind nicht erst seit der 68er-Bewegung unter gesellschaftlichen Druck geraten, sondern waren schon rund 100 Jahre davor Gegenstand hitziger Debatten. Das bürgerliche Familienideal stand teilweise im Konflikt mit der bürgerlichen Eheund Familienwirklichkeit. Diese Diskrepanz rief Kritik und Gegenentwürfe der Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Feministinnen hervor. Daneben meldeten sich weitere Vertreter gesellschaftlicher Reformbewegungen zu Wort. Diese Arbeit fokussiert auf die Lebensreformbewegung. Diese setzte sich mit den Auswirkungen der gesellschaftlichen und technischen Veränderung auf die einzelnen Bereiche des Alltagslebens auseinander, welche sich im 19. Jahrhundert immer stärker manifestierten. Dazu gehörte unter anderem die Beschäftigung mit dem menschlichen Zusammenleben. Die Lebensreformbewegung wurde ausgewählt, weil sie im Gegensatz zu den anderen oben erwähnten Gruppierungen in einem bedeutend kleineren Umfang zum Forschungsgegenstand wurde. Zudem sind die Konzepte des angestrebten Zusammenlebens von Frau und Mann kaum untersucht.
Die Arbeit ist dreiteilig aufgebaut. Der erste Teil hat die Funktion die Untersuchung zu kontextualisieren. Zum einem wird die zeitgenössische Kritik am bürgerlichen Familienideal behandelt und zum anderen wird die Lebensreform beschrieben. Im zweiten Teil geht es um die Entwürfe zur Geschlechterbeziehung. Zuerst wird die lebensreformerische Kritik an der bürgerlichen Ehe beschrieben, da die lebensreformerischen Konzepte durch die Beschäftigung mit der bürgerlichen Familienwirklichkeit entstanden. Danach werden die angestrebte Ehereform beziehungsweise die alternativen Modelle behandelt. Das ausgebreitete Material wird abschliessend in Form einer Gruppierung der Aussagen synthetisiert. Im dritten Teil wird die Umsetzung einiger ausgewählter Entwürfe dargestellt.
Es wurden folgende Typen bei den lebensreformerischen Konzepten der Geschlechterbeziehung unterschieden: 1. Die „reformerische Zivilehe“ basiert auf der Liebe zwischen den Ehegatten. Der Staat hat lediglich die Funktion die Formalitäten zu regeln. Eine Heirat zielt auf die Familiengründung ab, folglich auf das Grossziehen gemeinsamer Kinder. Für eine allfällige Scheidung soll nicht mehr das Schuldprinzip sondern das Zerrüttungsprinzip ausschlaggebend sein.
2. Die „völkische Ehe“ ist eine zivile Ehe in einem Rassenstaat. Sie formalisiert folglich eine Liebesbeziehung zwischen zwei deutsch-germanischen Personen. Sie zielt, wie der erste Typ, auf die Familienbildung ab. Der Rassenstaat definiert die Ehehindernisse und regelt die Scheidung.
3. Die „freie Ehe“ ist die konsequente Umsetzung des Schlagworts „nur wahre Liebe ist Ehe“. Die beiden Ehegatten organisieren und verrechtlichen ihre Beziehung in Form eines Privatvertrags. Die Sexualität hat nicht nur die Funktion der Fortpflanzung, sondern wird auch als ein wichtiger Teil des Liebeskitts für eine Beziehung angesehen.
4. Die „physiokratische Lebensgemeinschaft“ ist die „freie Ehe“ im physiokratischen Staat. Eine Mutterrente, welche einer Frau ein Grundeinkommen sichert, sollte es den Frauen erlauben nur jenen Mann zu ihrem Partner zu nehmen, welchen sie wirklich lieben.
Die lebensreformerischen Familienkonzepte vertreten eine Position, welche die patriarchalische Eheund Familienverfassung und deren religiöse Untermauerung als Unterdrückung von Frau und Kind interpretierte. Aus der lebensreformerischen Kritik an der bürgerlichen Ehe kann aber nicht automatisch der Schluss gezogen werden, dass die neue Gesellschaftsordnung jenseits von Ehe und Familie gesehen wird. Denn die grosse Mehrheit strebte lediglich eine Reform an und blieb damit in sexuellen Fragen den bürgerlichen Idealen verhaftet.
Anhand von vier ausgewählten Personen, welche als exemplarische Vertreter der oben erwähnten Typen fungieren, wird versucht die Umsetzung der lebensreformerischen Modellentwürfe der Geschlechterbeziehung in die Lebenspraxis nachzuzeichnen. Namentlich sind das Eduard Baltzer („reformerische Zivilehe“), Richard Ungewitter („völkische Ehe“), Ida Hofmann („freie Ehe“) und Silvio Gesell („physiokratische Lebensgemeinschaft“). Bei der Umsetzung der lebensreformerischen Konzepte sind die untersuchten Personen auf etliche Schwierigkeiten gestossen: die innere Bereitschaft, die eigene Familie beziehungsweise das eigene Umfeld, das nachbarschaftliche Umfeld, die staatlichen Rechtsnormen beziehungsweise deren Durchsetzung und letztlich die ökonomischen Zwänge.
Als Fazit kann gesagt werden, dass die lebensreformerischen Modelle der Geschlechterbeziehung auf der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau beruhen. Dies ist ebenfalls in die eigene Lebenspraxis umgesetzt worden.