Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Joachim
Eibach
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2019/2020
Abstract
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung zweier weiblicher Selbstzeugnisse in Form von Tagebüchern der beiden Frauen Henriette Stettler-Herport und Ursula Bruckner-Eglinger. Ursula Bruckner-Eglinger (1797 – 1876) kam als Pfarrerstochter in Liestal zur Welt. Ihre Familie gehörte zur Herrnhuter Brüdergemeine, einer in Basel sehr aktiven pietistischen Gemeinschaft. Aus dieser Gemeinschaft stammte auch ihr Mann, der gleich wie ihr Vater als Pfarrer amtete. Henriette Stettler-Herport war eine im Jahre 1738 geborene Bernerin. Sie wuchs in einer patrizischen Familie in der Stadt Bern auf. Beide verkehrten innerhalb eines pietistisch-bürgerlichen Milieus. Schon fast pedantisch verfassten die beiden Frauen über Jahrzehnte ihre Tagebücher, in denen intensive Auseinandersetzungen mit dem Selbst, dem Leben und Gott vorzufinden sind. Dank der grundlegenden Vorstellung von Selbstheilung durch das Schreiben liegen hier zwei Selbstzeugnisse vor, welche einen einmaligen und interessanten Einblick in den Alltag und das Leben zweier Frauen vor und nach 1800 ermöglichen.
Dabei wird der Blick von beiden Frauen auch auf ihre Körper gerichtet, was im Zentrum der Masterarbeit steht. Sie konzentriert sich ganz auf die Hermeneutik des Körpers der beiden Persönlichkeiten Henriette Stettler-Herport und Ursula Bruckner Eglinger – selbstverständlich im Bewusstsein, dass Körpergeschichte als Teil der historischen Anthropologie sich zwangsläufig an der Schnittstelle zu Sozial-, Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte bewegt.
Als Leitfrage diente dabei, welche Körperpraktiken und Körpererfahrungen Henriette Stettler-Herport und Ursula Bruckner-Eglinger in ihrem Alltag wahrnehmen. Wie wird in den beiden Selbstzeugnissen über den eigenen Körper gesprochen? In welchen Situationen wird der eigene Körper überhaupt thematisiert und wie oft? Wie werden Körperwahrnehmung und -praktiken konkret beschrieben? Welches Bild des eigenen Körpers besitzen die beiden Frauen? Lassen sich bei den Selbstzeugnissen Unterschiede in Bezug auf Körperpraktiken und -erfahrungen feststellen? Kurzum: Anhand der schriftlichen Aussagen über den eigenen Körper in Form von Körpererfahrungen (Krankheit, Schmerz, Kummer etc.) und der Ausführung von Körperpraktiken (Geburt, Kuren, Essen etc.) wird versucht, das Körperverständnis der beiden Frauen herauszuarbeiten. Anschliessend gilt es, diese Schilderungen auf ihre Beeinflussung durch den soziokulturellen Kontext hin zu überprüfen. Wie stark waren diese Körperpraktiken und -erfahrungen also durch Kriterien des Bürgertums und/oder des Pietismus geprägt? In einem deduktiven Verfahren wird versucht, die Körperwahrnehmung der beiden Frauen zu rekonstruieren, Schmerz, Leid und Kummer mikrohistorisch sichtbar zu machen und die Einflüsse von Pietismus und Bürgertum zu verstehen.
Beschreibungen über den eigenen Körper und seine Wahrnehmungen kamen vorwiegend dort zum Ausdruck, wo Schicksalsschläge, Krisensituationen oder besonders emotionale Begebenheiten das Leben der Schreibenden bestimmten. Die Vielfalt an Körperwahrnehmungen und Praktiken war gross und ermöglicht es, ein gutes Bild der Frauen über ihre Körpervorstellungen nachzuzeichnen. Dieses orientierte sich an den Normvorstellungen der Zeit sowie dem sozikulturellen Umfeld. Ursula betrachtete ihren Körper grundsätzlich als Geschöpf Gottes, mit welchem sie ihren Glauben praktizieren und damit Gott gefällig sein wollte. Der Körper stellte für sie nur eine Zwischenstation für ihre Seele dar. Weiter fungierte er als Einrichtung für die Geburt ihrer Kinder.
Hier kann ein Unterschied zu Henriette ausgemacht werden, die ihren Körper weniger als Einrichtung mit göttlich vorgegebenen Funktionen betrachtete, sondern eher als verletzliches und sensibles Objekt, das sich stets anzupassen hatte und unter ständiger Beobachtung stand. Sie betrachtete ihren Körper wortwörtlich als Gradmesser für ihren Zustand. Die Frauen standen ständig im Konflikt zwischen ihren körperlichen und psychisch-seelischen Selbst- und Fremderwartungen. Der Körper agierte also nicht nur als Instrument, um Praktiken, die den Glauben bestärken und die Sünden tilgen sollten, auszuüben. Im Gegenteil, der Körper wurde als Last empfunden und stand den Frauen öfter im Weg, was besonders auch die Ausübung von spezifisch bürgerlichen und pietistischen Praktiken verhinderte. Das Körperbild der beiden Frauen war eine Ambivalenz zwischen den zu erfüllenden Normen und Erwartungen einerseits und den persönlichen Vorstellungen und Wünschen der Frauen andererseits.
Die Unterscheidung der Körperpraktiken und Körperwahrnehmungen zwischen Stettler-Herport und Bruckner-Eglinger fällt am Ende weniger divergent aus, als zu Beginn hätte erwartet werden können. Dies widerspricht in gewissem Grade der Behauptung, dass der Körper von epochenspezifischem Wissen und zeitspezifischen Diskursen durchgezogen sei und diese das Reden über den Körper sowie die eigene Wahrnehmung von ihm präge. Trotz zeitlicher Differenz sind so viele Parallelen in den Charakteristiken der beiden Körper auszumachen. Hieraus ergibt sich eine bestimmte Somatik, die über den zeitspezifischen Diskurs hinaus geht. Unbestritten ist die Frage nach dem sozio-kulturellen Einfluss. Aufgrund der Untersuchungen kann eine bleibende Körperlichkeit jedoch nicht abgestritten werden. Die Öffnung und Rückführung des Glaubens und der Religiosität in die Häuser, zum Individuum, wie dies der zeitgenössische Pietismus forderte, bildete den Nährboden für das aufsteigende Bürgertum des 18. Jahrhunderts, das sich vermehrt dem Körper zuwendete und diesen immer kontroverser wahrnahm.