Im Vorzimmer zur Macht? Die Frauenorganisationen der SPS, FDP und CVP (1971 bis 1995)

Nom de l'auteur
Fabienne
Amliger
Type de travail
Thèse
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Brigitte
Studer
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2015/2016
Abstract
Schweizerinnen mussten skandalös lange in politischer Unmündigkeit verharren: Als einer der letzten europäischen Staaten gewährte die stets das Selbstbild als „Wiege der Demokratie“ zelebrierende Schweiz – so die Ironie der Geschichte – ihren Bürgerinnen erst 1971 das Stimmund Wahlrecht. Über 100 Jahre nach den männlichen Staatsbürgern war es Frauen ab diesem Zeitpunkt auf eidgenössischer Ebene erlaubt, als formal Gleichberechtigte an den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsfindungsprozessen zu partizipieren. Indem die Bürgerinnen Zugang zur Politik erhielten, wuchs die Politiklandschaft auf Bundesebene um beinahe zwei Millionen neue, potenzielle Wählerinnen, Stimmende und Wählbare. Zudem – so könnte zumindest angenommen werden – bildeten Frauen aus Sicht von politischen AkteurInnen wie den Parteien eine Gruppe, die es für politische Anliegen zu berücksichtigen und zu gewinnen galt. Doch traten Frauen im Anschluss an die Einführung des Frauenstimmrechts auch tatsächlich politischen Parteien bei, wurden sie von ihnen willkommen geheissen und als neue Akteurinnen anerkannt? Um dieses Forschungsdesiderat – das in einem auffälligen Kontrast zum breiten Forschungsstand über die Einführung des Frauenstimmrechts steht – zu beantworten, setzt die Dissertation beim Einschluss von Frauen in die institutionelle Politik an. Sie richtet ihren Fokus auf die als zentrale Akteurinnen im Inklusionsprozess von Frauen agierenden Frauenorganisationen von drei der vier eidgenössischen Regierungsparteien: auf die der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz SPS, der FreisinnigDemokratischen Partei FDP und der Christlichdemokratischen V olkspartei CVP . Mangels Archivzugang musste die Schweizerische V olkspartei SVP weggelassen werden. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Zeit von 1971, der Einführung der politischen Gleichstellung auf Bundesebene, bis 1995, womit die 1993 vom Parlament verweigerte Wahl der Sozialdemokratin Christiane Brunner zur Bundesrätin sowie des damit im Feld der Politik eingeleiteten gleichstellungspolitischen TransformationsprozessesderfolgendenbeidenJahreumfasstwird. Das erkenntnisleitende Interesse der Untersuchung konzentriert sich auf vier Bereiche, die in enger Wechselwirkung zueinander stehen, zur Verdeutlichung in der Arbeit jedoch analytisch getrennt werden. Erstens interessieren der organisatorische Aufbau und die strukturellen Rahmenbedingungen der parteieigenen Frauenorganisationen. Eng damit verbunden ist zweitens die Frage nach der Position der Frauenorganisationen innerhalb ihrer Parteien. Es gilt dabei ihrer parteiinternen Bedeutung und den Grenzen ihrer Einflussnahme sowie dem von ihnen Sagund Kritisierbaren nachzugehen. Drittens untersucht die Dissertation die thematischen Schwerpunkte und politischen Praktiken der Frauenorganisationen. Dieser Fokus impliziert auch Fragen nach den Handlungsmöglichkeiten und -strategien der Vertreterinnen von Frauenorganisationen, mit denen sie mitunter das eigene politische Handeln und die damit verknüpften Partizipationsforderungen zu legitimieren trachteten. Diese drei Fragenkomplexe konstituieren und spiegeln die in den Parteien herrschenden Geschlechterordnungen. So verweisen sie auf das in den Parteien und auch von den Frauenorganisationen (re-) produzierte Frauenbild, auf das V erständnis von Geschlechterverhältnissen und auf V orstellungen von Gleichstellung zwischen Frauen und Männern. Entsprechend analysiert die Arbeit viertens das „Sprechen über“ Geschlecht, also die Geschlechterdiskurse, in den Frauenorganisationen. Der Gegenstand der Untersuchung wird mittels Pierre Bourdieus feldtheoretischem Zugang zur Politik eingebettet. Dieser Ansatz fokussiert die Zugangsvoraussetzungen und Spielregeln des politischen Feldes, dessen Strukturen und AkteurInnen sowie die Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen AkteurInnen. Die Studie, die sich in der Tradition der Neuen Politikgeschichte verortet, erweitert jedoch Bourdieus Ansatz um eine geschlechtertheoretische Perspektive. Um die vier Fragebereiche zu analysieren, bedient sich die Arbeit einer Kombination historisch-hermeneutischer sowie diskursanalytischer Methoden und greift auf Oral-History-Interviews zurück. Aus den reichhaltigen Ergebnissen sollen nur die wichtigsten genannt werden: Die Dissertation situiert die Frauenorganisationen als wichtige frauenund gleichstellungspolitische Handlungs- und Wirkungsräume innerhalb der Parteien, allerdings nicht ohne auf die grundlegende Ambivalenz zu verweisen, die ihnen eingeschrieben war und die mit dem Begriff der „paradoxen Integration“ gefasst wird: Gemeint ist, dass die Parteien ihre Frauenorganisationen mehr oder weniger isoliert in den von Männern erschaffenen Parteiapparat integrierten und ihnen frauen- und gleichstellungspolitische Aufgaben übertrugen. Durch diese Arbeitsteilung erschienen die Interessen von Frauen als gesonderte, oftmals marginalisierte Partikularinteressen und nicht als Querschnittsthemen der Parteien. Zugleich legitimierten die Frauenorganisationen mit ihrer Frauen- und Gleichstellungspolitik die männlich-dominierte Partei, die von solchen Auseinandersetzungen grösstenteils entbunden wurde. In diesem Punkt unterschieden sich allerdings die Parteien, wurde der Bezug zum Feminismus in der SPS doch als weit weniger suspekt erachtet als in den bürgerlichen Parteien. Im Weiteren zeigt die Dissertation, dass geschlechtsspezifische Macht- und Repräsentationsasymmetrien in der Politik auch nach der Einführung des Frauenstimmrechts bestehen blieben. Dieses eigentliche Demokratiedefizit erkannten die V ertreterinnen aller parteieigenen Frauenorganisationen zwar und rügten dies im Laufe der Zeit zunehmend. Doch – und das spiegelt die forschungsleitende und durch die Befunde bestätigte Hypothese der Dissertation – kollektive und öffentliche Entrüstung löste dieser Umstand erst bei der Nichtwahl der Bundesratskandidatin Christiane Brunner 1993 aus. Erneut versuchte das Parlament damals, eine Frau von der Teilhabe an der politischen Macht auszuschliessen. Allerdings stiess dieses Vorgehen auf einen neuen, durch Gleichstellungserrungenschaften gerahmten Kontext, und ein abermaliger Ausschluss einer Frau wurde mit Protesten in der Öffentlichkeit, in den Medien und von Frauen im politischen Feld quittiert. Das als Brunner- Skandal bekannte Ereignis identifiziert die Dissertation denn auch als Indikator eines sozialen Wandels, der die langandauernde und weitgehende Exklusion von Frauen aus dem politischen Feld nicht mehr länger unwidersprochen tolerierte. Zusammenfassend kann die Geschichte der Frauenorganisationen so bilanziert werden, dass sie Erfolge feierten, jedoch mit ihren Anliegen auch immer wieder scheiterten. Ein Wandel sowohl in gleichstellungspolitischer Hinsicht als auch hinsichtlich der Präsenz von Frauen in der Politik ist im Untersuchungszeitraum aber nicht zu negieren. In diesem Prozess waren parteiinterne Frauenorganisationen zentrale Akteurinnen. Sie waren es, die den politischen Raum ausweiteten, indem sie neue oder vernachlässigte gleichstellungspolitische Themen in die politische Agenda einschrieben. Sie waren es auch, die ihre Parteien auf eine gleichstellungspolitische Programmatik zu verpflichten versuchten und wesentlich zur politischen Förderung von Frauen beitrugen. Zwar haben sich während des Untersuchungszeitraums die geschlechtsspezifischen Machtstrukturen in keiner der untersuchten Parteien und auch nicht im Feld der Politik zugunsten einer Parität zwischen Männern und Frauen verschoben. Und dennoch: wird die eidgenössische Politik à la longue betrachtet, ist eine Transformation in der Geschlechterordnung nicht zu leugnen. Während vor 1971 Vertreterinnen von Frauenverbänden höchstens im V orfeld der Politik Zutritt erhielten, rückten sie nach dem Erhalt des Frauenstimmrechts ins V orzimmer der Macht vor. Und sie störten dort zunehmend die Spielregeln der männlichen Dominanz.

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