Mit „1968“ werden in erster Linie die damit verbundenen Studentenproteste assoziiert, die weltweit für Aufsehen sorgten und aus heutiger Sicht insofern einen Wendepunkt einleiteten, als in diesem Jahr mehrere schon seit Mitte der 1960er-Jahren anschwellende Konflikte zum definitiven Ausbruch kamen. 1968 ist aber auch das Jahr, in dem sich verschiedene subkulturelle Bewegungen zu einer nach aussen homogen wirkenden Gegenkultur formierten, die sich als Opposition zur dominanten Kultur verstand und die komplette Erneuerung und Umgestaltung der Gesellschaft anstrebte.
Das gegenwärtige Verständnis von „1968“ beruht demzufolge nicht nur auf einer Analyse politischer Faktoren, sondern impliziert, dass die Bewegung gleichermassen als Teil einer grenzüberschreitenden kulturellen Wende zu sehen ist. Davon ausgehend, dass sich die Forschung über die 1968er-Bewegung und ihre gegenkulturellen Ausläufer bis anhin hauptsächlich innerhalb der jeweiligen nationalen Kontexte bewegte und eine grenzüberschreitende, umfassende Analyse bisher ausgeblieben ist, besteht das Ziel dieser Arbeit nun darin, die Bewegung in ihren transnationalen Dimensionen zu begreifen und zu untersuchen. Mittels einer Untersuchung ausgewählter französischer und Westschweizer Untergrundzeitschriften soll diesbezüglich herausgefunden und aufgezeigt werden, ob bzw., in welchem Ausmass zwischen den jeweiligen gegenkulturellen Szenen transnationale Beziehungen und Verbindungen bestanden haben. Dabei hat sich herausgestellt, dass die französische und die Westschweizer Untergrundpresse zu vielen Themen eine ähnliche Meinung hatten und in ziemlich übereinstimmender Art und Weise über die jeweilige Thematiken berichteten; konkrete Hinweise auf direkte Transferleistungen – im Sinne eines Prozesses, in welchem eine bestimmte Thematik aus einen Land ins Andere exportiert und dort an dessen nationalen Kontext entsprechend angepasst wurde – zwischen Frankreich und der Westschweiz wurden diesbezüglich nur wenige gefunden.