Femizid ist die schwerwiegendste Form geschlechtsspezifischer Gewalt: Die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist. Femizide sind nicht historische oder regionale Einzelfälle. Sie sind Teil des Kontinuums der Gewalt gegen Frauen und treten überall dort auf, wo patriarchale Strukturen bestehen.
Obwohl es bereits zuvor Ansätze gab, geschlechtsspezifische Morde an Frauen zu definieren, wurde das Konzept des Femizids erst im Anschluss an den Internationalen Prozess gegen Verbrechen an Frauen ausgearbeitet, der im März 1976 in Brüssel stattfand (Giacinti 2025). Diana H. Russell, eine Teilnehmerin der Veranstaltung, verfasste später gemeinsam mit Jill Radford das grundlegende Buch Femicide: The Politics of Woman Killing (1992). Ebenfalls in den 1990er-Jahren konnte Karen Stout zeigen, dass die tödliche Gefahr für Frauen vor allem von ihren Partnern und männlichen Familienmitgliedern im eigenen Zuhause ausgeht («intimate femicide»). In den letzten 10 Jahren fanden die Begriffe «Femizid» oder auch «Feminizid» schliesslich breiteren Eingang in die Medienlandschaft, in strafrechtliche und politische Diskussionen, aber auch in die Geschichtswissenschaften. Eine entscheidende Rolle spielte dabei das feministische Kollektiv «Ni una menos», das in Argentinien seit 2015 gegen systemischen «feminicidio» auf die Strasse geht und dabei auch auf die historische und aktuelle Rolle des Staates (insbesondere der Militärjunta) in der Geschichte geschlechtsspezifischer Gewalt an Frauen hinweist.
Dieses Themenheft geht davon aus, dass «Femizid» nicht nur am Einzelfall zu diskutieren ist, sondern in einem «continuum féminicidaire» (Taraud 2022): Femizid wird von patriarchalen Strukturen ermöglicht – dies gilt es historisch in den Blick zu nehmen, auch um die maskuline Täterschaft bei Femiziden nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn historische und soziologische Forschungen haben die Vorstellung widerlegt, dass Femizid lediglich Ausdruck von Affekt oder «Mord aus Leidenschaft» sei. Historisch gesehen wurde Gewalt gegen Frauen immer durch Stereotypisierung (z.B. Hexerei, Ketzerei), Diskriminierung (z.B. Prostitution, Abtreibung) und ungleiche Machtverhältnisse (z.B. Ehe-, Erbrecht, Zugang zu Bildung, politische Partizipation etc.) geschürt und legitimiert.
Die Heftbeiträge sollen multiperspektivisch unterschiedliche historische Settings über alle Epochen hinweg in den Blick nehmen, in denen Femizide stattfanden. Zu denken ist etwa an «die eigenen vier Wände», staatliche Institutionen, koloniale Expansion, Kriege, Gesundheitsversorgung, Erziehung, Medien oder Popkultur. Beiträge können danach fragen, wie soziale, ökonomische, kulturelle oder religiöse Vorstellungen – zum Beispiel von «Besitz», «Opfer», «Ehre» oder «Leidenschaft» – auf die Anerkennung geschlechtsspezifischer Gewalt wirkten und Konsequenzen für die Sanktionierung, Strafmilderung oder gar -freiheit zeitigten. Von besonderer Relevanz ist zudem die Frage nach den historischen Akteurschaften und den Taten selbst. Erwünscht sind schliesslich Heftbeiträge, die eine historische Perspektivierung von Femizid mit seinen komplexen intersektionalen Verschränkungen mit anderen Diskriminierungsformen (Rassismus, Kolonialismus, Transphobismus, Klassismus, Ableismus, Ageismus etc.) in den Blick nehmen. Grundsätzlich sollen sich die Beiträge zum einen mit der Frage auseinandersetzen, wie Femizide aus historischer und (trans)epochaler Perspektive zu diskutieren sind, zum anderen nach den historischen Bedingungen fragen, die sie als systemisches und persistentes Phänomen geschlechtsspezifischer Gewalt an Frauen immer wieder hervorgebracht haben.
Der geplante Heftschwerpunkt wird als traverse-Ausgabe 1/2028 erscheinen. Die erste Version der Manuskripte erwarten wir bis zum 15. Januar 2027. Die Artikel sollten eine Maximallänge von 30’000 Zeichen inkl. Leerzeichen nicht überschreiten. Die Beiträge durchlaufen ein double blind peer review-Verfahren. Für die formalen Richtlinien und die redaktionellen Anweisungen siehe https://revue-traverse.ch/schreiben-fuer-traverse/formale-vorgaben-fuer-traverse/.
Wir laden Interessierte ein, bis zum 1. September 2026 ein Abstract (ca. 400 Wörter), ein kurzer CV (½ Seite) sowie eine Auflistung der Publikationen an Pauline Milani, Matthias Ruoss und Isabelle Schürch zu senden.
Zitierte Literatur:
Giacinti Margot, Le commun des mortelles: faire face au féminicide, Quimperlé, Éditions divergences, 2025.
Radford Jill, Russell Diana E. H. (Hg.), Femicide: the politics of woman killing, New York, Twayne Publishers, 1992.
Taraud Christelle (Hg.), Féminicides: une histoire mondiale, Paris, La Découverte, 2022.
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