Gescheiterte Haushalte? Der Geldstag und das Berner Konkursregime 1750 – 1900

Nom de l'auteur
Eric
Häusler
Type de travail
Thèse
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Joachim
Eibach
Codirecteur
Prof. Dr. Christof Dejung
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2020/2021
Abstract
Gesellschaften gehen mit scheiternden ökonomischen Beziehungen historisch in unterschiedlicher und jeweils spezifischer Art und Weise um. Die vorliegende Untersuchung legt eine detaillierte Fallstudie des Berner Konkursregimes zwischen 1750 und 1900 vor. Im Mittelpunkt steht dabei die in Bern seit dem 15. Jahrhundert und bis 1892 zentrale Institution im Umgang mit unsicheren sowie scheiternden Kreditund Schuldbeziehungen: Der sogenannte Geldstag. Der geographische Fokus liegt auf der Stadt Bern beziehungsweise dem 1831entstandenenAmtsbezirkBern,ehemalsder bernische Stadtgerichtsbezirk (im Ancien Regimé) beziehungsweise das Oberamt Bern (bis 1831). Entstanden ist die Dissertation im Rahmen des SNF-Sinergia-Projekts «Doing House and Family. Material Culture, Social Space, and Knowledge in Transition (1700 – 1850)». Untersucht wird der spezifische Berner Umgang mit dem drohenden ökonomischen Scheitern von Haushalten, wie er sich in Hunderten überlieferter Geldstagsrödel (Konkursakten) präsentiert. In einer praxeologischen Betrachtungsweise wird die Institution des Geldstags – als dem Kernelement des Berner Konkursverfahrens – im Rahmen einer akteurszentrierten Institutionengeschichte analysiert. Die übergeordnete Leitfrage lautet: Warum konnte der Geldstag als die spezifische Institution zur Regelung des ökonomischen Scheiterns von Haushalten in Bern über einen so langen Zeitraum hinweg bestehen und sich in seiner grundlegenden Struktur reproduzieren? Zum Einstieg wird im Prolog der Geldstag von Abraham Lefevre und Christina Liechti 1765 rekonstruiert. In der folgenden Einleitung werden für die Fragestellung besonders relevante Entwicklungsprozesse der Berner Gesellschaft während des Untersuchungszeitraums skizziert. Anschliessend wird das Quellenkorpus – die facettenreichen Geldstagsrödel als Hauptquellenbestand – beschrieben. Vor dem Hintergrund der sich zwischen 1750 und 1900 transformierenden Berner Gesellschaft und in Kombination der Forschungsfragen, des gewählten methodischen Ansatzes, der berücksichtigten Forschungsfelder und des einzigartigen Quellenkorpus ergeben sich drei analytische Perspektiven, mit denen der Geldstag in den folgenden drei Haupteilen untersucht wird. Als erster Fragenkomplex ergibt sich: Warum hat der Geldstag in Bern von der Frühen Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt und wider Erwarten weitgehend stabil ‹überlebt›? Woraus bezog der Geldstag seine Legitimität und soziale Akzeptanz? Als Auftakt dient die AuseinandersetzungmitdemeinschlägigenRoman«Der Geldstag. Oder: Die Wirthschaft nach der neuen Mode» (1846) von Jeremias Gotthelf. Kontrastiert wird diese fiktionale Darstellung mit dem realen Geldstag von Jean Fornallaz aus dem gleichen Jahr. Danach wird auf Basis von quantitativen Daten gezeigt, dass der Geldstag eher eine Alltagserfahrung als eine krasse Ausnahmeerscheinung darstellte. Vorgestellt werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen, beginnend mit der Gerichtssatzung von 1614. In theoretischer Perspektive ist dieser Untersuchungsschritt geprägt vom Luhmann’schen Verständnis von Verfahren. In Kapitel 2 «Unsicherheit bewältigen: Der Geldstag als Institution» wird so die grundlegende Funktionsweise des Geldstagsverfahrens erläutert. Am Anfang von Kapitel 3 «Wert bestimmen: Der sozial eingebettete Haushalt» steht die eingehende interpretative Betrachtung des 1892 von Albert Anker angefertigten Gemäldes «Der Geltstag». Als wesentliche Elemente des Berner Konkursregimes treten spezifische ökonomische Transaktionsformen und insbesondere der Prozess der Wertbestimmung hervor, speziell die soziale Konstruktion von Wert (untersucht am Beispiel des Geldstags von Gottlieb Sinner 1799). Dies rückt die soziale Dimension des Geldstags und das Handeln der Akteurinnen und Akteure in den Fokus. Ihre soziale Einbettung wird anhand der detaillierten Beschreibung der Geldstagsversteigerung als sozialem Mechanismus der Wertbestimmung erläutert. Die Kreditbeziehungen der Vergeldstagten und die sozialen Aspekte des Geldstagsverfahrens werden mit Blick auf die soziale Vernetzung der Akteur*innen untersucht. Bei der Beantwortung dieser Fragen tritt das ‚offene Haus‛ prominent in Erscheinung. Die folgende Analyse der Bilanzierungspraxis behandelt die Konstruktion von Zukunft, die mit dieser einhergeht und konzeptionell in die Wiederherstellung der sozialen Ordnung mündet. Zunächst wird der letzte im Staatsarchiv Bern überlieferte Geldstag (Nachgeldstag von Maria Fischer-Imobersteg 1891) beschrieben. In Kapitel 4 «Bilanz ziehen: Vermögen und Schulden im Geldstag» werden die Geldstagsrödel vorrangig quantitativ ausgewertet. In acht Samples werden 567 Geldstagsrödel untersucht. Ihre quantitative und qualitativ abgestützte Auswertung offenbart die aktiven und passiven Vermögenswerte, über die Haushalte verfügten, die zum Einsatz kommenden Finanzierungspraktiken, die eingegangenen Kreditund Schuldbeziehungen und die jeweiligen Vermögensanteile von beispielsweise Haushaltsgegenständen, Liegenschaften oder Aktivschulden. Durch den Vergleich des Geldstags in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit demjenigen im 19. Jahrhundert kommen zahlreiche wesentliche Kontinuitäten zum Vorschein. Dabei erweist sich die institutionelle Stabilität des Geldstags nicht als rigide Starrheit, sondern als dynamische und emergente Stabilität, also als Resilienz. Das Konzept der Ungewissheit bildet den Ausgangspunkt, den Fluchtpunkt und ein wesentliches Bindeglied zwischen den verschiedenen Analyseschritten in der Untersuchung des Berner Konkursregimes. Die drei separat untersuchten sozialen Mechanismen – Verfahren, Versteigerung, Bilanzierung – werden jeweils als spezifische Formen der sozialen Einbettung interpretiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise zur Reduktion beziehungsweise zur Bearbeitung von Ungewissheit beitrugen. In Kapitel 5 «Wandel praktizieren: Das Berner Konkursregime zwischen den Zeiten» werden die drei unterschiedlichen Perspektiven der vorangehenden Kapitel wieder ‹zusammengesetzt› und übergeordnete Fragen zum Geldstag im Wandel adressiert. Zum Einstieg wird das ‹Ende› des Geldstags, die Volksabstimmung über das «Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs» von 1889 und dessen Einführung am 1. Januar 1892 unter dem Vorzeichen von ‹Modernisierung› diskutiert. Im Anschluss an die Zusammenführung der vorangehenden Ergebnisse werden aus der analysierten Praxis des Geldstags die handlungsleitenden moralischen Vorstellungen der Akteurinnen und Akteure induktiv abgeleitet. Vorausgesetzt werden die historische Wandelbarkeit und Emergenz von moralischen Vorstellungen. Es wird explizit kein Beitrag zur diesbezüglichen normativen Diskussion angestrebt. Stattdessen wird untersucht und im Verlauf dieser Studie erstmals explizit thematisiert, welche bedeutende Rolle moralische Handlungsorientierungen für die Ausgestaltung und Resilienz des Berner Konkursregimes spielten. Im Zuge der empirischen Analyse des Geldstagskommenhistorisch-spezifischeMoralvorstellungen (sorgfältig, vertrauensvoll, rechtsbasiert, offen, pragmatisch, zukunftsorientiert, solidarisch) im Umgang der Berner Gesellschaft mit ökonomischem Scheitern während des langen 19. Jahrhunderts zum Vorschein, die handlungsleitend für die beteiligten Akteur*innen waren und legitimierend für das Verfahren wirkten. Die Untersuchung des Berner Geldstags will so auch einen differenzierten, konzeptionell angereicherten und vor allem empirisch dichten und historisch-spezifischen Beitrag zur internationalen Konkursgeschichte leisten. Unter dem Arbeitstitel «Nichts als Elend? Das Berner Konkursregime (1750–1900)» ist die Publikation des überarbeiteten Dissertationsmanuskripts in der Reihe 1800 | 2000. Kulturgeschichten der Moderne im transcript Verlag geplant.

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