Type de travail
Mémoire de master
Statut
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur
Prof.
Heinrich Richard
Schmidt
Institution
Historisches Institut
Lieu
Bern
Année
2011/2012
Abstract
Auf dem Bächtelengut bei Bern wurde im April 1840 eine Rettungsanstalt eröffnet, welche weit über die Kantonsgrenzen hinaus Bedeutung erlangen sollte. Ziel der Anstalt war es, arme, verwahrloste und delinquente Knaben vor dem Verderben zu „retten“ und sie zu tüchtigen, nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu formen. Dies sollte einerseits durch eine streng christliche Erziehung, andererseits durch die Gewöhnung an harte Arbeit erreicht werden. Die Stifterin der Anstalt, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG), war überzeugt, dass die richtige Anstaltsbehandlung auch „verkommene“ und „entartete“ Knaben „bessern“ könne. Mit der Gründung der Rettungsanstalt bot sie gefährdeten Kindern und Jugendlichen eine Alternative zum Zuchthaus. Nebst ihrer Pionierrolle als erste schweizerische Rettungsanstalt übte die Bächtelen auch auf einem weiteren Gebiet eine Vorreiterrolle aus: In einer von massiven konfessionellen und politischen Spannungen geprägten Zeit beschloss die SGG, mit der Bächtelen eine gesamtschweizerische Anstalt zu stiften, die Knaben aus allen Sprachregionen und aus beiden konfessionellen Lagern aufnehmen wollte.
Die Masterarbeit befasst sich mit der Geschichte dieser Anstalt vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Diskurse zu Armut und Kriminalität. Dazu teilt sich die Arbeit in zwei Teile: Im ersten Teil werden die Wahrnehmungen und vielfältigen Bewältigungsstrategien zu Fragen der sozialen Devianz aufgezeigt. Dabei zeigt sich, welch grosse Bedeutung der Arbeit im Kampf gegen die Armut zukam: Diese allein bot in den Augen der Zeitgenossen einen Ausweg aus der Armut. In diesem Sinn wurde nur den sogenannt „würdigen“, d. h. den tüchtigen, unschuldigen Armen finanzielle Unterstützung gewährt, während die „unwürdigen“ Armen in den Augen der Zeitgenossen ihre missliche Situation durch Faulheit und Müssiggang selbst verschuldet hatten und keine Unterstützung verdienten.
Als wichtige Bewältigungsstrategie im Kampf gegen Armut und Kriminalität kristallisierte sich im 19. Jahrhundert die Anstaltsversorgung heraus. Im aufkommenden philanthropischen Diskurs wurden soziale Notstände vermehrt als pädagogische Aufgaben wahrgenommen, womit sich der Fokus in der Armutsbekämpfung auf die – präventive – Erziehung verlagerte. Eine gute Erziehung im Kindesalter, so waren die Philanthropen überzeugt, war grundlegend für ein erfolgreiches, rechtschaffenes Leben. Wenn diese in der Familie nicht gegeben war, so wurden die Kinder aus den „dysfunktionalen“ Familienstrukturen herausgenommen und in einer Anstalt versorgt.
Im zweiten Teil der Arbeit wird danach gefragt, ob sich die in den zeitgenössischen Diskursen verankerten Leitmotive der Anstalt im Alltag und der Realität der Bächtelen einlösen liessen. Die Rettungsanstalt wird dazu anhand von Sitzungsprotokollen, Berichten, Aufnahmebedingungen und Statuten porträtiert. Schnell wird deutlich, dass viele der ehrgeizigen Ziele, welche sich die SGG gesetzt hatte, schwierig umsetzbar waren und schlussendlich scheiterten. Sowohl der Anspruch, eine überkonfessionelle Anstalt zu stiften, wie auch derjenige der Mehrsprachigkeit konnten nicht vollumfänglich umgesetzt werden – das Zielpublikum der Anstalt verengte sich bereits in den ersten Jahren auf deutschsprachige, protestantische Knaben. Dennoch wäre es verfehlt, der Bächtelen ein umfassendes Scheitern vorzuwerfen. Die praktischen Schwierigkeiten, welche bei der Umsetzung der Vorgaben seitens der SGG immer wieder auftauchten, sind in den Protokollen der Anstalt ausführlich dokumentiert. Die Protokolle zeigen auch, dass die Mitglieder des leitenden Komitees nicht leichtfertig die Zielsetzungen der SGG aufgaben, sondern dass sie sich oft schweren Herzens mit der Unmöglichkeit der Umsetzung abfinden mussten. Trotzdem wurde die Bächtelen in vielen Bereichen ihrer Vorbildrolle gerecht und bot immer wieder innovative Lösungen für aktuelle Probleme an.
Im zweiten Teil der Arbeit wird ausserdem mit der „Kuratli-Affäre“ das wohl schwierigste Kapitel der Anstalt aufgearbeitet. In einer Klage wurde der Vorsteher der Bächtelen, Johannes Kuratli, 1871 der Misshandlung und des Missbrauchs seiner Zöglinge beschuldigt – Vorwürfe, welche in der darauffolgenden gerichtlichen Untersuchung grösstenteils bestätigt wurden. Als Konsequenz davon emigrierte Kuratli in die USA, während die Bächtelenanstalt dem Hohn und Spott der schweizerischen Presse ausgesetzt war und um ihr Ansehen in der Schweiz bangen musste. Durch umfassende Reformen, welche massive Verbesserungen der Lebensund Arbeitsbedingungen der Zöglinge zur Folge hatten, gelang es der Bächtelen jedoch, den guten Ruf der Anstalt bereits in den folgenden Jahren wiederherzustellen. Schon bald galt sie wieder als die vorbildliche Anstalt, welche sie in den ersten Jahren ihres Bestehens gewesen war.