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Konferenzbericht: Rural History 2013 - Konferenz der European Rural History Organisation

Autor / Autorin des Berichts: 
Jürgen Schlumbohm
Zitierweise: Schlumbohm, Jürgen: Konferenzbericht: Rural History 2013 - Konferenz der European Rural History Organisation, infoclio.ch Tagungsberichte, 2013. Online: infoclio.ch, <http://dx.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0076>, Stand:


Mit 80 Arbeitssitzungen zu den verschiedensten Themen und nahezu 300 aktiven TeilnehmerInnen aus fast allen europäischen und etlichen außereuropäischen Ländern zeugte die vom Archiv für Agrargeschichte (AfA) und der Schweizerischen Gesellschaft für ländliche Geschichte (SGLG) organisierte Konferenz von einem neuen Aufschwung der historischen Beschäftigung mit ländlichen Gesellschaften. Die Belebung ist nicht zuletzt der Erweiterung der Perspektive durch Überwindung nationaler Beschränkung zu verdanken. Der Vergleich zwischen verschiedenen Ländern und Regionen, die Erforschung von Beziehungen und Verknüpfungen über staatliche Grenzen hinweg und die Aufnahme von Fragen und Ansätzen, die sich in einem Land als fruchtbar erwiesen haben, bringen neue Impulse für ein Forschungsfeld, das vor ein oder zwei Jahrzehnten in manchen Ländern als ein wenig überlebt galt. Auffallend war die breite Streuung der Altersgruppen der Teilnehmer: Zahlreiche DoktorandInnen nutzten die Chance, ihr Projekt und erste Ergebnisse einem sachverständigen internationalen Publikum vorzustellen, ebenso wie Postdocs, gestandene ProfessorInnen und Emeriti/ae ihre Forschungen präsentierten.

Die meisten Sitzungen behandelten mehrere Länder vergleichend. Ein Thema, das sich in einem Land als ergiebig erwiesen hatte, wurde von anderen aufgegriffen. So haben sich britische Historiker in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Praxis des Armenwesens beschäftigt; dem wurden nun vergleichbare Ergebnisse für die Niederlande an die Seite gestellt; und die Sektion zeigte, dass Anregungen auf andere Länder überspringen, in denen lokale und regionale Quellen der Auswertung harren. – Alte Probleme wurden in neues Licht gestellt. Krisen und langfristige Wechsellagen, seien sie durch Klimaschwankungen, Kriege oder Epidemien bedingt, fanden neue Aufmerksamkeit durch interdisziplinäre Forschung sowie durch den Wechsel zwischen Mikro- und Makro-Sicht. Die Pollenanalyse kann die Ausdehnung von Acker, Grasland und Wald, die Untersuchung von Skeletten den biologischen Lebensstandard für verschiedene Epochen erhellen. Wird der Blick auf die handelnden Personen gelenkt, so zeigt sich – etwa in Tage- und Anschreibebüchern –, dass Krisen nicht nur erlitten wurden, sondern dass die Menschen ihnen mit unterschiedlichen Strategien aktiv zu begegnen suchten. – Das boomende Gebiet der Umweltgeschichte lädt in besonderem Maße zur Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg ein, wie eine Reihe von Sektionen auf der Konferenz zeigte. Die Themen reichten von der Geschichte des Waldes und Holzverbrauchs über die viel diskutierten Probleme der Gemeinheiten (Allmenden) und die Landwirtschaft in Gebirgszonen bis zu Viehseuchen. ¬– Auch der Trend zu einer neuen Kulturgeschichte war spürbar, so in Sitzungen über dörfliche Kulturzentren oder über die Bedeutung des historischen Erbes für politische und soziale Handlungsoptionen der Landbewohner. Gender-Fragen beschäftigten eine ganze Reihe von Sektionen, nicht selten auf originelle Weise. Beispielsweise diskutierte eine Arbeitsgruppe den Wandel in der Zuständigkeit der Geschlechter für das Nutzvieh beim Übergang von einer vielseitigen bäuerlichen zur großen spezialisierten Wirtschaft im Zusammenhang mit der Frage, wie sich der Stellenwert männlicher und weiblicher Tiere zwischen der konventionellen und der medizinisch-technisch geprägten Zucht änderte. – Auch über Europa hinaus ging der Blick, etwa mit der Frage, wie die Globalisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Märkte für Agrarprodukte und die Produktionsweisen beeinflusste. Ansätze einer transnationalen Analyse erprobte eine Gruppe europäischer und überseeischer HistorikerInnen, indem sie die Übertragung europäischer Begriffe vom Eigentum an Land auf Kolonien in anderen Kontinenten untersuchten. So verschieden die Formen solcher ‚Begegnung’ von Institutionen waren, so unterschiedlich fielen auch die Ergebnisse für die autochthone Bevölkerung und europäische Siedler und Pflanzer aus. Insgesamt erwies sich die Arbeit der Konferenz als so fruchtbar, dass die Teilnehmer durchweg bedauerten, durch die – bei Veranstaltungen dieser Größenordnung unvermeidliche – Parallelität vieler Sitzungen sich nicht an allen interessanten Sektionen zuwenden zu können.

Drei Plenarsitzungen und die Mitgliederversammlung der European Rural History Organisation bündelten das Interesse aller Anwesenden. Hier wurde über Fragen der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation debattiert – über die Notwendigkeit und die Kosten des Gebrauchs der englischen Sprache als lingua franca; ebenso wurden künftige inhaltliche Perspektiven der Geschichte ländlicher Gesellschaften diskutiert. Anschauliche Beispiele lenkten die Aufmerksamkeit auf Filme als neue Quellengattung, die der historischen Auswertung und kritischen Interpretation harrt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren so angetan von der Konferenz, dass sie gleich zwei weitere Veranstaltungen dieser Art für Girona (Spanien) 2015 und Leuven (Belgien) 2017 planten. Zu wünschen ist, dass dann mehr HistorikerInnen auch aus den Teilen Europas einbezogen werden können, die bisher unterrepräsentiert sind: der östlichen Hälfte und dem Südosten. Eine stärkere Einbeziehung dieser Länder würde fraglos auch die inhaltlichen Perspektiven ausweiten.

Konferenzübersicht

Veranstaltung: 
Rural History 2013
Organisiert von: 
Swiss Rural History Society (SRHS) / Archives of Rural History (ARH)
Veranstaltungsdatum: 
19.08.2013 bis 22.08.2013
Ort: 
Bern
Art des Berichts: 
Conference