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Panelbericht Rural History 2013: Cotton, Race, and Labor in the Post-Civil War South

Autor / Autorin des Berichts: 
Marcel Berni, Universität Bern
Zitierweise: Berni, Marcel: Panelbericht Rural History 2013: Cotton, Race, and Labor in the Post-Civil War South, infoclio.ch Tagungsberichte, 2013. Online: infoclio.ch, <http://dx.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0080>, Stand:


Panelverantwortliche: Jeannie Whayne
Chair: Steven Hahn
Referierende: James Giesen / Jeannie Whayne / Enrico Dal Lago / Elizabeth Herbin-Triant

Nach der einleitenden Begrüssung durch den Pulitzer-Preisträger und Panel-Chair STEVEN HAHN, befasste sich das erste Referat von JAMES GIESEN mit der kulturellen und sozialen Bedeutung der Baumwolle in Memphis. Die Stadt an den Ufern des Tennessees war ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Verarbeitungs- und Vertriebszentren südstaatlicher Baumwolle geworden. So bestimmte der „King Cotton“ nicht nur in ökonomischer Hinsicht die Stadt; der darauf fussende Wirtschaftszweig verankerte sich in der kulturellen Identität von Memphis. Diese orientierende Selbstvergewisserungsfunktion der Baumwolle blieb auch in Zeiten bestehen, in welchen deren ökonomische Bedeutung abnahm; so etwa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als synthetisch produzierte Konkurrenzprodukte attraktiver wurden. In dieser Periode erfreuten sich zwei folkloristische Umzüge in der Baumwollmetropole grosser Beliebtheit. Obwohl beide schon während der „Great Depression“ in den 1930er Jahren entstanden waren, identifizierten sie sich nun enger mit der Baumwolle, welche auf diese Weise immer mehr zum konstituierenden Bestandteil der städtischen Identität wurde. Für die weisse Bevölkerung gab es den „Cotton Pickin' Jamboree“, an welchem sogar der „King of Rock 'n' Roll“ Elvis Presley auftrat. Da dieser Umzug aber rassistisch dominiert war und Afroamerikanern nicht offen stand, dauerte es nicht lange, bis sich mit dem „Memphis Cotton Makers' Jubilee“ eine vergleichbare Alternative für Schwarze etablierte. Die beiden segregierten Karnevale wurden erst 1981 im „Carnival Memphis“ vereinigt, womit das zuvor übliche „Cotton“ in der offiziellen Bezeichnung fallen gelassen wurde. Spätestens im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hatte die Baumwolle als kulturelles und ökonomisches Identifikationssymbol an Prägekraft für Memphis verloren.

Auch die Präsentation der Panel-Veranstalterin JEANNIE WHAYNE beschäftigte sich mit dem „Metropolis“ der Baumwolle. Memphis wurde im amerikanischen Bürgerkrieg 1862 von der Union erobert, was zur Folge hatte, dass viele Afroamerikaner in der Stadt Zuflucht suchten. Schon vor dem Bürgerkrieg entdeckten tausende irischer Immigranten die Hauptstadt Tennessees für sich und siedelten vor allem im Norden der Stadt. Beide Bevölkerungsgruppen erwiesen sich als zentral für die städtische Baumwollverarbeitung und deren Verschiffung auf den Weltmarkt. Von der „Reconstruction“ bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl in den Baumwolle produzierenden Bezirken in und um Memphis, was mit einer enormen Baumwollproduktionssteigerung einherging. Whayne interessierte sich in besonderer Weise für dieses von ihr als „demographische Revolution“ bezeichnete Phänomen und dessen Auswirkungen. Dabei wurden die „Memphis Riots“ von 1866, die nachfolgende politische Koalition irischer Immigranten und ehemaliger Sklaven sowie eine Gelbfieberepidemie angesprochen. Abschliessend wies Whayne auf städtische Finanzprobleme hin, welche die Abwanderung einer grossen Bevölkerungszahl nach sich zog und einer zumeist weissen „Cotton Elite“ den Aufstieg ermöglichte.

ENRICO DAL LAGO verglich die soziale Lage der späten 1860er Jahre in den ländlichen Regionen South Carolinas, wo hauptsächlich Baumwolle angepflanzt wurde, mit derjenigen im westlichen Sizilien, das grösstenteils durch den Anbau von Zitrusfrüchten geprägt war. Beide dieser landwirtschaftlich dominierten Regionen mussten sich in der zweiten Hälfte der 1860er Jahre in vergleichbarer Weise in einem Nationalstaat neu orientieren und ausrichten. Während der „Reconstruction” wurde South Carolina erneut in die Vereinigten Staaten aufgenommen; Sizilien wurde bereits 1861 mit dem neuen italienischen Königreich vereinigt. Auch wenn zwischen den zwei Regionen und ihren Mutterstaaten Unterschiede bestanden, gewannen in beiden Gegenden zur gleichen Zeit zwei vergleichbare kriminelle Syndikate an Macht. So versuchten der Ku Klux Klan in South Carolina und eine Art Proto-Mafia in Sizilien den sozialen Status Quo zu erhalten und die Kontrolle über die ländlichen Arbeitsbedingungen auszuüben. Beide paramilitärischen Gruppierungen suchten durch Selbstjustiz ihren Interessen zum Durchbruch zu verhelfen und hätten - so die These Dal Lagos - ihren jeweiligen Haupteinfluss in den besagten Gebieten ausgeübt. Der transregionale Vergleich zeigte jedoch auch, dass sich der Ku Klux Klans und die Mafia ab den 1870er Jahren in divergierender Form weiterentwickelten. So verlor der Kapuzen tragende Geheimbund in South Carolina an Einfluss, während die Macht der sizilianischen Mafia weiter anstieg.

Die Präsentation von ELIZABETH HERBIN-TRIANT widmete sich einer Vision einfacher weisser Bauern nach einer segregierten Gesellschaftsform im ländlichen Süden der Vereinigten Staaten. Zwischen Bürgerkrieg und „Great Depression“ sahen sich viele dieser Farmer von doppelter Seite bedrängt: Nebst den für billiges Geld arbeitenden ehemaligen Sklaven hatte sich eine weisse Elite gebildet, die Produktionsmittel, Ressourcen und Kapital besass und den landwirtschaftlichen Anbau des Südens dominierte. Ähnlich zu Thomas Jeffersons Ideal selbstständiger, egalitärer und tugendhafter Kleinbauern, erhoffte sich diese Gruppe von Landwirten im ländlichen Süden einen sozialen Aufstieg durch Kooperation mit ihresgleichen. Dabei grenzten sie sich von ihren afroamerikanischen Mitbürgern und der weissen urbanen Elite ab. Letztere dämmte den Einfluss der Kleinbauern ein und setzte in der Folge ihre eigenen Zukunftsvorstellungen eines „Solid South“ weitgehend in die Realität um.

Bei der abschliessenden Diskussion wurde auf die Möglichkeiten, aber auch auf die Probleme transregionaler Vergleiche hingewiesen. Auf der einen Seite gäbe es viele Parallelen zwischen der Bedeutung von Baumwolle im Süden der Vereinigten Staaten mit derjenigen von Kaffee in Puerto Rico. Auf der anderen Seite sei die komparatistische Gegenüberstellung von KKK und Proto-Mafia heikel, da zwischen den beiden Bünden erhebliche Differenzen bestanden hätten.

Panelübersicht:

James Giesen: The King is Dead: The Culture of Cotton in Memphis, Tennessee

Jeannie Whayne: Capturing Cotton's Metropolis: The Struggle for Political Control of Memphis Government, 1865-1900

Enrico Dal Lago: The Politics of Rural Violence in Comparative Perspective: South Carolina vs. Sicily in the late 1860s

Elizabeth Herbin-Triant: Challenging the Southern Elite: Small White Farmers' Visions for a New and Segregated Rural South

Veranstaltung: 
Rural History 2013
Organisiert von: 
Swiss Rural History Society (SRHS) / Archives of Rural History (ARH)
Veranstaltungsdatum: 
20.08.2013
Ort: 
Bern
Sprache: 
d
Art des Berichts: 
Conference