Das Schweizer Fachportal für die Geschichtswissenschaften

Just do it!

Seit einiger Zeit wohnt auf meinem Schreibtisch eine Barbie – es ist nicht irgendeine Barbie, sondern das «I can be computer engineer» Modell, oder in der deutschen Übersetzung «Ich wäre gerne Computer-Expertin». Die Puppe, deren Sujet aufgrund eines Online-Votings ausgewählt wurde, hat in diversen Foren für zahlreiche Kommentare gesorgt, die beispielhaft das ganze Spektrum der Technologie-und-Gender-Debatte abdecken.1

Allerdings reden wir hier und bei Infoclio.ch im Allgemeinen sowie in den Compas-Filmen im Besonderen eigentlich nicht direkt über Informatik. Sondern wir reden über Historiker und eben auch Historikerinnen, die sich für neue Informationstechnologien als Tool – im weitesten Sinne des Wortes – für ihr Kerngeschäft, nämlich die Geschichtswissenschaften interessieren. Aber gibt es hier einen Gender Gap? Glaubt man der Einleitung von Peter Habers Habilitationsschrift «Digital Past», dann ist das so. In Fussnote 2 heisst es dort: «Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werde ich nicht konsequent immer die weibliche und die männliche Form verwenden, was in keiner Weise Wertung impliziert. In vielen Fällen ist in der vorliegenden Arbeit aber tatsächlich nur von Historikern die Rede, da es bei der Beschäftigung mit Technik und digitalen Medien im Kontext der Geschichtswissenschat ein offenkundiges Gender-Ungleichgewicht gibt. Ohne dabei auf empirisches Material zurückgreifen zu können, erhält man den Eindruck, dass Frauen in diesem Themenfeld nur in den Bereichen Bibliothek und Dokumentation präsent sind.» 2

Aha. Informationskompetenz haben wir Frauen offenbar. Glück gehabt, also betreffen die in den Clips angedeuteten Probleme bestimmt nicht nur uns, sondern einfach alle. Denn es soll bei Compas ja in erster Linie um «compétences informationnelles et de la recherche en ligne» gehen. Persönlich hätte ich es auch besser gefunden, wäre das Rollenverhältnis etwas ausgeglichener und die Klischees weniger ausgeprägt gewesen. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, wenn «Sophia» nicht nur gescheitert wäre, sondern durch die «gender-neutrale» Hilfe eines virtuellen Angebots wie Compas einen Lernprozess durchlaufen hätte?

Es ist gut und es ist wichtig, dass wir solche Aspekte stets im Auge behalten und – da stimme ich Monika Dommann zu – antiquierte Geschlechterverhältnisse und -klischees nicht unwidersprochen lassen, weit über digitale Kontexte hinaus.3 Und wenn wir uns umschauen, gibt es sie sehr wohl, die digitalen Historikerinnen und sie werden immer mehr.

Aber wir müssen auch nicht eine Diskussion vertiefen, die im Bereich der digitalen Geschichtswissenschaften eher die Symptome in den Mittelpunkt stellt und das Problem an den Rand drängt. Wichtig erscheint mir zunächst, dass es Angebote gibt, die Historikerinnen und Historikern gleichermassen Infrastrukturen zur Verfügung stellen, die von allen einfach genutzt werden können und die uns unsere tägliche Forschungsarbeit erleichtern – unabhängig davon, ob ich über Handschriften oder Computerspiele forsche.4 Die dadurch hoffentlich gewonnene Zeit können dann alle, nicht nur die «nerdy girls» und die «nerdy boys» in neue, vielleicht auch digitale, Fragestellungen und Publikationsformen investieren.

Demenstprechend wünsche ich Compas einen guten Start und allen männlichen und weiblichen «Sophias» dieser Welt, dass Compas sie auf dem Weg der digitalen Informationsbeschaffung und -nutzung zuverlässig begleiten wird.

Keine Angst: Just do it!

1 Zum "Einstieg": http://www.youtube.com/watch?v=gonkSjMS3Fk, s. auch: http://www.engadget.com/2010/12/01/computer-engineer-barbie-now-availabl... http://www.chipchick.com/2010/02/computer-engineer-barbie.html http://geekfeminism.org/2010/02/12/barbie-becomes-a-computer-engineer/ http://www.good.is/post/does-computer-engineering-barbie-discourage-girl... http://bits.blogs.nytimes.com/2010/02/12/barbies-next-career-computer-en... http://news.bbc.co.uk/2/hi/8517097.stm

2 Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschft im digitalen Zeitalter, München 2011, S. 10. Vgl. dazu auch: http://weblog.hist.net/archives/5949

3 Vgl. z.B.: Cynthia Enloe, The Curious Feminist. Searching for Women in a New Age of Empire, Berkeley und Los Angeles 2004.

4 Als Beispiel für die Attraktivität solcher Angebote sei hier nur auf das geisteswissenschaftliche Blogportal http://hypotheses.org/ und dessen deutschsprachiges Teil-Projekt http://de.hypotheses.org/ verwiesen.