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Grenzen. 2. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Geschichtsdidaktik"

Der folgende Querschnittsbericht zu den Schweizer Geschichtstagen wurde zuerst am 1.6.2010 bei H-Soz-u-Kult publiziert.

Veranstalter: Schweizerische Gesellschaft für Geschichte; Historisches Seminar, Universität Basel
Datum, Ort: 04.02.2010-06.02.2010, Basel

Bericht von:
Kurt Messmer, Universität Freiburg Schweiz/Pädagogische Hochschule Zentralschweiz Luzern; Gaby Sutter, Historisches Seminar, Universität Basel/Pädagogische Hochschule FHNW

Ein erfreulicher Befund vorweg: Wie bereits an den ersten Schweizerischen Geschichtstagen in Bern 2007 hatten geschichtsdidaktische Panels auch bei der Zweitauflage in Basel 2010 ihren wichtigen Platz. Forschung und Vermittlung werden zunehmend als Junktim begriffen. Eine Voraussetzung dafür war seit den 1970er-Jahren mit der Etablierung der Geschichtsdidaktik als Wissenschaftsdisziplin geschaffen worden. Karl-Ernst Jeismann hatte die Richtung vorgegeben mit seiner heute noch gültigen Definition der Geschichtsdidaktik als „Wissenschaft vom Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“. Im Grunde war das bereits ein Anstoß zur geschichtstheoretischen Grundsatzdebatte der 1990er-Jahre, die das Geschichtsbewusstsein zur zentralen Kategorie erhob.[1]

Zu fragen ist an dieser Stelle, wie sich der aktuelle Bezugsrahmen wissenschaftsbasierter Geschichtsdidaktik abstecken lasse. DIETMAR VON REEKEN (Oldenburg) ermittelte im Sinne eines Common sense in Basel die folgenden fünf Positionen, über die in allen namhaften Kompetenzmodellen historischen Lernens (zuletzt Peter Gautschi 2009)[2] Einigkeit herrsche: 1. historisches Denken als primäres Ziel; 2. Erkenntnis des Konstruktionscharakters von Geschichte; 3. Methodenkompetenz, 4. Zusammenhang von Gegenwart und Geschichte, 5. Geschichtskultur als Lernfeld. Die Tatsache, dass diese Standortbestimmung geschichtsdidaktischer Provenienz ebenso gut der Geschichtswissenschaft als Zielformulierung dienen könnte, dokumentiert die eigentliche „Entgrenzung“ zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik.

Diese Entgrenzung wurde in vielfäItiger Form thematisiert. Im Panel „Geschichtsunterricht zwischen Disziplinarität, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität“ (Leitung Marcel Müller, Luzern) verwahrte sich HANS-JÜRGEN PANDEL (Halle-Wittenberg) gegen lose Begriffsklammern, die unter „Interdisziplinarität“ fungierten. Disziplinen würden nicht durch Inhalte determiniert, sondern durch „richtungsgleiche Verfahren spezifischer Fragen“. Die Disziplin Geschichte sei eine Denkweise, die sich seit zweitausend Jahren ausgeformt und ausdifferenziert habe. Mit Verweis auf Begriffsgeschichte, Ethnohistorie, Psychohistorie, Historische Anthropologie und andere folgerte Pandel, Interdisziplinarität sei in der Geschichtswissenschaft längst selbstverständlich. Aufgabe der Geschichtsdidaktik sei es, „aus den einzelnen disziplinären Aspekten wieder eine Einheit zu machen“. Mit Hinweis auf Wehler forderte er, Jugendliche müssten für die 70 Jahre Lebenszeit nach dem obligaten Geschichtsunterricht Kompetenzen erwerben für eine Geschichte, „die noch gar nicht in den Geschichtsbüchern stehe“.

Die Entwicklungs- und kognitionspsychologischen Voraussetzungen von Disziplinarität rückte MARKUS KÜBLER (Schaffhausen) ins Blickfeld. Zwar bilde sich die Stufen- und Reifungstheorie von Piaget in den Lehrplänen noch heute ab, aber im Zentrum der empirischen Forschung stünden heute „Domains specific knowledge Theorien“. Solche Studien belegten, dass Kinder in ausgewählten Inhaltsgebieten bereits ab vier Jahren anspruchsvolle Denkleistungen erbrächten. Es gebe also „keinen Grund, Kinder nicht bereits im Vorschulalter mit stufengerecht aufbereiteten historischen Inhalten zu konfrontieren“. Ob dabei geschlechtsspezifische Differenzen auszumachen seien, könne erst nach Abschluss der Studie festgestellt werden.

Einen Beitrag aus der Praxis der Sekundarstufe II steuerten STEFAN FELDER und JÜRG STADELMANN (Kantonsschule Luzern) bei. Ausgehend von einem „gewissen Analphabetismus“ im Bereich der Politischen Bildung, empfahlen die beiden Gymnasiallehrer die Einführung eines „politischen Fahrausweises“ und zeigten mit einem erfolgreich erprobten Konzept konkret auf, wie sich die Disziplinen Geschichte, Geografie, Wirtschaft und Recht sowie Philosophie über sechs Jahre hinweg im Langzeitgymnasium koordinieren lassen.

Was begünstigt historisches Lernen? Nicht überraschend wurden als entscheidende Faktoren in aktuellen Studien a) die Qualität der Lernaufgaben, b) eine anregende Lernumgebung ermittelt. Bei einem neuen Aufgabenformat setzte denn der Round Table von HISTORIA (Leitung: Christiane Derrer und Kerstin Peter, Zürich) zum Thema „Jugendliche erforschen das Thema Grenzen“ auch an. Der Schweizer Geschichtswettbewerb HISTORIA, der alle zwei Jahre veranstaltet wird und Teil des europäischen Netzwerks Eustory ist, richtet sich an Jugendliche vom 7. bis 12. Schuljahr. Eingereicht werden können Maturaarbeiten, Abschlussarbeiten von Berufsschulen sowie Projektarbeiten. RUDOLF HADORN (Biel/Bern) plädierte mit Hinweis auf die Projekte „Grabe wo du stehst“ für eine intensivere Nutzung des regionalgeschichtlichen Umfelds mit kreativen Themen auf „unterschiedlichen Abstraktionsebenen“. CHRISTINE STUBER (Reussbühl LU) bezeichnete solche Arbeiten gleichermaßen als „Lernchance“ für Jugendliche und ihre Betreuer/innen. Diese Einschätzung verband HANSJÖRG FRANK (Wettingen) mit der Empfehlung, HISTORIA vermehrt auch in Berufsschulen zu lancieren. Eine entscheidende Rolle spielten in diesem Zusammenhang einzelne Personen und Institutionen, wie SVEN TETZLAFF (Hamburg) vom deutschen Geschichtswettbewerb am Beispiel Münster in Westfalen aufzeigte.

Ein Panel „Grenzverschiebungen. Geschichte und Öffentlichkeit im medialen Wandel“ war für einen Geschichtskongress dieser Kategorie unverzichtbar. PETER HABER (Basel, Leitung) sah im Web in der Phase vor 2005 vorerst einen „Distributionskanal“; in der Folge sei das Netz vermehrt zum „sozialen Medium“ geworden, das auch Interaktion und Partizipation ermögliche und eine „neue Form von Öffentlichkeit“ herstelle. Für JAN FRIEDRICH MISSFELDER (Zürich) war Geschichte als kritische Wissenschaft „prinzipiell schon immer auch Medienwissenschaft“. Im Gegenzug könne die Medientheorie „nicht Generalschlüssel aller Historiografie“ sein. Diese Position verstand sich keineswegs defensiv-abgrenzend, wie ein pikantes medientheoretisches Zitat dokumentierte, wonach Archivarbeiten lediglich als „Arbeiten über das Medium Archiv“ Geltung hätten, eine extensive Auslegung, die in der Diskussion erwartungsgemäß relativiert wurde.

Eine erhellende Bestandesaufnahme zu Public History leistete BEATRICE SCHUMACHER (Basel). Ökonomische Interessen hätten in den 1960er-Jahren in den USA zur „Grenzüberschreitung der Akademie“ geführt. In Europa gründeten alternative Vermittlungen von Geschichte eher in gesellschaftlichen Ansprüchen. Hinzu gekommen seien neue Arbeitsmethoden wie die Oral History und das Arbeiten im Team. Zum Kernbegriff des ersten Lehrbuchs sei 1986 bezeichnenderweise „delivery“ geworden. Im März 2008 hätte an der Universität Luzern ein Studiengang Public History starten sollen mit dem Ziel, die Teilnehmenden zu qualifizieren für die professionelle Vermittlung historischen Wissens „außerhalb der Akademie“. Diesem Studiengang wäre im deutschsprachigen Raum Pioniercharakter zugekommen. Was in der Schweiz mangels Nachfrage scheiterte, gelang kurz danach in Berlin.

Grabreden auf das gedruckte Buch, die das Ende der „Gutenberg-Galaxis“ verhießen, konterte OLAF BLASCHKE (Trier) unter anderem mit dem Hinweis, dass in den Kultur- und Geisteswissenschaften die Mehrheit der Zitate nach wie vor aus Büchern stammten. Im Unterschied zu „flüchtigen digitalen Medien“ sei Papier haltbar; dazu böten Bücher eine „Konsumgarantie“, auch aufgrund ihrer „Dignität“. Die Selektion durch Verlage mit reputiertem Namen repräsentiere schließlich eine Orientierungshilfe auch für das breite Publikum.

Mit Verweis auf „Docupedia Zeitgeschichte“, ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), soeben online gegangen unter , plädierte KARSTEN BORGMANN (Berlin/Potsdam) für den Ausbau einer digitalen Publikationsinfrastruktur und damit verbunden für freien Zugang zu einem Angebot von zentralen Begriffen, Konzepten, Forschungsrichtungen und Methoden der zeithistorischen Forschung. Das bedinge ein „Redaktionsmodell für Veröffentlichung und zukünftige Aktualisierung“ der Beiträge. Künftig könnten allenfalls zwei Textfassungen parallel publiziert werden, eine „Publikationsversion“ sowie eine „Werkstattversion“. Den Zugriff auf die Werkstattversion könne der Autor selber steuern; dazu bestehe die Möglichkeit, die Publikationsversion gemeinsam mit einer eigens gebildeten Arbeitsgruppe zu ergänzen und zu optimieren. Das erlaube den wirkungsvollen Einbezug der Community of Science für die Wissensgenerierung.

Grenzen und Brüche zwischen der Geschichtswissenschaft und der Gesellschaft bzw. der Schule standen im Zentrum des Panels „Kontroverse Aneignungen von Geschichte: Repräsentation des Zweiten Weltkrieges in Schule und Gesellschaft“ (Leitung: Nicole Peter, Moderation: Jakob Tanner, beide Zürich). NICOLE BURGERMEISTER und NICOLE PETER (beide Zürich) analysierten intergenerationelle Gespräche in zwanzig Familien und stellten fest, dass die Debatten der 1990er-Jahren über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg einen hoch emotional verhandelten Orientierungspunkt bildeten, dass zugleich aber wenig konkretes Wissen über die Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK) und deren Forschungsresultate manifest werde. Sichtbar würden divergierende Erinnerungsinteressen, die teils mit dem Holocaustparadigma konkurrierten. So werde die restriktive Flüchtlingspolitik nur am Rande und primär unter dem Aspekt des Helfens erwähnt. Dass die Schweiz vom Kriege verschont blieb, werde nicht mehr wie früher der Widerstandskraft der Armee zugeschrieben, sondern den wirtschaftlichen Beziehungen und der Neutralität. Das eigene Überleben und die Staatsräson bildeten wichtige Referenzpunkte in der Beurteilung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.

Die Schwierigkeit, die Grenze zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft zu überbrücken, zeigte sich auch im Beitrag von NADINE FINK (Genève). Sie untersuchte die Konstruktion von Erinnerungskultur bei Jugendlichen des 9. Schuljahres, basierend auf deren Aussagen über die Ausstellung „L’histoire c’est moi“ mit Zeugenaussagen der Aktivdienstgeneration. Fink stellte fest, dass die Schüler und Schülerinnen die Vielfalt der individuellen Erfahrungen wahrnähmen, doch blieben sie den gleichen Verallgemeinerungen wie die Zeitzeugen verhaftet. Sie solidarisierten sich stark mit diesen und zögen nicht den von den Ausstellungsmachern intendierten Schluss, dass es die Aktivdienstgeneration als homogene Gruppe gar nicht gab.

Den Transformationsprozess zwischen Geschichtswissenschaft , Geschichtsdidaktik und Schulunterricht thematisierten BERNARD SCHÄR (Bern/Aarau) und VERA SPERISEN (Aarau) am Beispiel des Lehrmittels „Hinschauen und Nachfragen. Zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg“. Sie stellten fest, dass die politische Debatte rund um die UEK und deren Forschungsergebnisse sich insofern auf das Unterrichtsmittel auswirkten, als dieses die Interpretationen der UEK sehr zurückhaltend aufgenommen habe. Auf der Ebene des Unterrichts zeige sich, dass die Person der Geschichtslehrperson im Sinne von Bourdieus Habituskonzept eine zentrale Rolle spiele. Während die einen die zurückhaltende Interpretation auf der Basis der Forschungsergebnisse übernähmen, kompensierten andere diese Zurückhaltung.

Das Panel zeigte, dass die Vermittlung historischer Forschungsergebnisse und Interpretationen auf Grenzen stösst, was CHRISTOPH DEJUNG (Konstanz) in seinem Kommentar zur Frage führte, ob Themen wie der Holocaust und die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht einer spezifischen Didaktik bedürften.

Im Panel „Grenzflächen konkurrierender Disziplinen“ (Leitung: Béatrice Ziegler, Aarau/Zürich) stand der reflektierte Umgang mit der Grenze zwischen Geschichte und Politischer Bildung als Unterrichtsfächer im Zentrum. MARKUS FURRER (Luzern) plädierte für den bewussten Umgang mit der Zeitgeschichte als einer eigenen Epoche, die zur Gegenwart hin offen sei und sich trotz der engen Verbindung zum Politischen vom Unterrichtsfach Politische Bildung unterscheide. Zeitgeschichte liefere wie Geschichte keine direkte Handlungsorientierung im Sinne von griffigen Rezepten für die Politik, sondern Anleitungen für die Orientierung in der Zeit.

Im Bereich der Didaktik sah CHRISTOPH KÜHBERGER (Salzburg) Möglichkeiten des Austausches zwischen Geschichte und Politischer Bildung, so zum Beispiel auf der Metaebene der Kompetenzen. Die domänenspezifischen Prinzipien beider Fächer ließen sich oftmals von der allgemeinen Erkenntnistheorie ableiten, was Kühberger am Beispiel des historischen und des politischen Denkens oder der historischen Orientierungskompetenz ausführte, die sich mit Politischer Bildung überschneide.

NADINE FINK und PHILPPE HÄBERLI (beide Genève) befassten sich in ihrem Beitrag mit der Zuordnung von Bildern zu den Fächern Geschichte oder Politische Bildung durch Jugendliche aller Schulstufen. Sie beobachteten, dass die Schüler und Schülerinnen zwar ein hohes Interesse an historischen Themen zeigten, doch keine Verbindung zur eigenen Person herstellten und keinen Nutzen für ihre Zukunft ableiteten.

Dies führte zur Frage nach dem Verhältnis des Gegenwartsbezuges im Geschichtsunterricht und der Politischen Bildung. BÉATRICE BÜRGLER (Zürich) und JAN HODEL (Aarau) untersuchten dieses Verhältnis anhand von Videoaufnahmen und stellten fest, dass in Unterrichtssequenzen die historische und die politische Perspektive oft unreflektiert wechselten. Sie plädierten für eine klare Abgrenzung beider Perspektiven, weil durch reflektierten Umgang insbesondere mit dem Gegenwartsbezug mögliche Synergien zwischen beiden Perspektiven nutzbar würden. Wie eine historische Orientierungsfunktion angelegt und von der politischen Orientierungsfunktion abgegrenzt werden könnte, blieb in der anschließenden Diskussion eine offene Frage.

Die Überwindung von konzeptuellen Grenzziehungen in Bezug auf das historische Lernen stand im Zentrum des Panels „Historisches Lernen ent-grenzen“ (Leitung: Christian Mathis, Liestal BL). Historische Themen stießen bereits im Vorschulalter und auf der Unterstufe auf großes Interesse der Kinder, wie die von MARKUS KÜBLER (Schaffhausen) präsentierte laufende empirische Studie in der Deutschschweiz sowie auch die langjährigen Erfahrungen von MARLISE WUNDERLI (Zug) als Museumspädagogin belegten.

In den Curricula dieser Schulstufen komme die Geschichte nur selten vor, wie DIETMAR VON REEKEN (Oldenburg) am Beispiel von Deutschland aufzeigte. Er plädierte für die Integration historischer Themen ab Vorschulalter, was eine Abgleichung historischer Kompetenzen mit den Interessen und Lernvoraussetzung dieser Altersgruppen sowie die Verankerung entsprechender Module in der Ausbildung von Vor- und Grundschullehrpersonen erfordern werde.

MARTIN BUCK (Freiburg) schloss sich diesem Postulat an: Bereits jüngere Kinder sollten lernen, dass die Verhältnisse, in welche sie geboren wurden, veränderbar seien. Allerdings dürfe die geschichtstheoretische Maxime der Wandelbarkeit und Veränderbarkeit nicht dazu führen, dass im Unterricht permanent alles in Frage gestellt werde, da Stabilität für Kinder dieser Altersgruppe wichtig sei, wie Christian Mathis in seinem Schlusswort betonte.

Im Sinne einer knappen Bilanz lässt sich festhalten: Das Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft wissenschaftsbasiert zu verändern, ist gemeinsames Ziel von Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik. Politisch brisante Themen wie die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zeigen, dass die Politik und die Medien eine hohe Deutungsmacht besitzen. Wenn Forschungsresultate der Geschichtswissenschaft dazu beitragen sollen, überholte Geschichtsbilder zu revidieren, so bedarf es zusätzlicher Strategien der Vermittlung. Die Fachwissenschaft hat das Spannungsfeld zwischen Prägnanz und Differenzierung vermehrt in den Blick zu nehmen. In der Didaktik ist ein reflektierter Gegenwartsbezug gefragt, der historisch relevante Fragen stellt und sich damit spezifisch von der Politischen Bildung abgrenzt. Aber auch der Einsatz neuer Medien als soziale Plattformen und eine Öffnung der Akademie in Richtung Public History bieten ein hohes Potential, das Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft zu formen und dadurch die Autonomie von Geschichtswissenschaft und von Geschichtsdidaktik künftig zu stärken.

Konferenzübersicht: Grenzen. Schweizerische Geschichtstage 2010, geschichtsdidaktische Panels

Geschichtsunterricht zwischen Disziplinarität, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität
Panelverantwortung und Moderation: Marcel Müller, Verein Schweizerischer GeschichtslehrerInnen VSGs

Hans-Jürgen Pandel, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg: Fachübergreifendes Lernen – Artefakt oder Notwendigkeit?
Markus Kübler, Pädagogische Hochschule Schaffhausen: Entwicklungs- und kognitionspsychologische Voraussetzungen von Disziplinarität
Stefan Felder, Kantonsschule Luzern / Jürg Stadelmann, Kantonsschule Luzern: Politische Bildung – ein virtuelles Fach in der Praxis

Jugendliche erforschen das Thema „Grenzen“ (Round Table)
Panelverantwortung: Christiane Derrer, Gymnasium Unterstrass, Zürich
Moderation: Kerstin Peter, Literaturgymnasium Ramibühl, Zürich

Diskussion Round Table:
Hansjörg Frank, Kantonsschule Wettingen
Rudolf Hadorn, Deutsches Gymnasium Biel & Universität Bern
Clara Müller, Preisträgerin HISTORIA – Schweizer Geschichtswettbewerb, Mels
Christine Stuber, Gymnasium Reussbühl, Meggen
Sven Tetzlaff, Deutscher Geschichtswettbewerb, Hamburg

Grenzverschiebungen. Geschichte und Öffentlichkeit im medialen Wandel
Panelverantwortung und Moderation: Peter Haber, Universität Basel

Olaf Blaschke, Universität Trier: Das Medium Buch im Feld der Geschichte
Karsten Borgmann, Humboldt-Universität zu Berlin / Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam: Docupedia-Zeitgeschichte: Neue Wege der Produktion und Darstellung historischen Grundlagenwissens
Peter Haber, Universität Basel: Die Öffentlichkeit der Geschichte im digitalen Zeitalter
Jan Friedrich Missfelder, Universität Zürich: Welche Medientheorie braucht die Geschichtswissenschaft?
Beatrice Schumacher, Freischaffende Historikerin, Basel: Public History. Eine Bestandesaufnahme

Kontroverse Aneignungen von Geschichte: Repräsentation des Zweite Weltkrieges in Schule und Gesellschaft
Panelverantwortung: Nicole Peter, Universität Zürich
Moderation: Jakob Tanner, Universität Zürich
Kommentar: Christof Dejung, Universität Konstanz

Nicole Burgermeister, Universität Zürich / Nicole Peter, Universität Zürich: Zwischen Geschichte und Erinnerung – Zur Gegenwart des Zweiten Weltkriegs in der Schweizer Bevölkerung
Nadine Fink, Université de Génève: Paroles de témoins – paroles d’élèves. L’apprentissage de l’histoire par la mémoire
Bernard Schär, Universität Bern und Pädagogische Hochschule FHNW/Vera Sperisen, Pädagogische Hochschule FHNW: Vom Widerstand zur Wiedergutmachung? Das Thema „Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ im Geschichtsunterricht: eine wissenssoziologische Perspektive

Grenzflächen konkurrierender Disziplinen
Panelverantwortung und Moderation: Béatrice Ziegler, Pädagogische Hochschule FHNW

Markus Furrer, Pädagogische Hochschule Zentralschweiz Luzern: Zur Zeitgeschichte und Politischen Bildung
Christoph Kühberger, Universität Salzburg und Pädagogische Hochschule Salzburg: Der Beitrag der historischen Orientierungskompetenz zur politischen Bildung
Nadine Fink und Philippe Häberli, Université de Genève: Histoire et éducation à la citoyenneté: élèves et frontières disziplinaires
Béatrice Bürgler-Hochueli, Pädagogische Hochschule Zürich / Jan Hodel, Pädagogische Hochschule FHNW: Politische Bildung oder Geschichtsunterricht? Von den Mühen kategorialer Grenzziehung in der empirischen Praxis

Historisches Lernen ent-grenzen!
Panelverantwortung und Moderation: Christian Mathis, Pädagogische Hochschule FHNW

Dietmar von Reeken, Universität Oldenburg: Frühes historisches Lernen – Bildungspotential von Geschichte in „ent-grenzten“ Lernsituationen
Martin Buck, Pädagogische Hochschule Freiburg: „Veränderung“ und „Veränderbarkeit“. Geschichte als Lebens- und Handlungswissenschaft
Markus Kübler, Pädagogische Hochschule Schaffhausen: Historisches Wissen und Verstehen – empirisch
Marlise Wunderli, Museumspädagogin Zug: „Wieso weiss man, dass diese Steine so alt sind?“ – frühes historisches Lernen im Museum

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Karl-Ernst Jeismann, Die Stellung der Didaktik im Studium des Faches Geschichte an den Hochschulen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 29 (1978), S. 500-507.
[2] Peter Gautschi, Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise, Schwalbach im Taunus 2009
ZitierweiseTagungsbericht Grenzen. 2. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Geschichtsdidaktik". 04.02.2010-06.02.2010, Basel, in: H-Soz-u-Kult, 01.06.2010, .

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