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Grenzen. 2. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Mittelalter"

Der folgende Querschnittsbericht zu den Schweizer Geschichtstagen wurde zuerst am 1.6.2010 bei H-Soz-u-Kult publiziert.

Veranstalter: Schweizerische Gesellschaft für Geschichte; Historisches Seminar, Universität Basel
Datum, Ort: 04.02.2010-06.02.2010, Basel

Bericht von:
Hans-Joachim Schmidt, Département d'histoire médiévale et moderne et sciences auxiliaires de l'histoire, Université de Fribourg

Die Schweizerischen Geschichtstage fanden vom 4. bis zum 6. Februar 2010 an der Universität Basel statt. Leitthema war die Bedeutung der Grenzen. Mehrere Sektionen befassten sich ausschließlich, vornehmlich oder teilweise mit der Geschichte des Mittelalters.

Die Sektion „Grenzen der Vermittlung von Herrschaft“, von Martina Stercken (Universität Zürich) und Claudia Zey (Universität Zürich) geleitet, befasste sich mit der Tradition, die für die Begründung und die Ausübung von Herrschaft in Anspruch genommen wurde. Der Einsatz unterschiedlicher medialer Informationsträger wie Urkunden, Briefe, Statuten, kartographische Darstellungen diente der Vermittlung politischer Absichten und ihrer Rechtfertigung. Der Untersuchungszeitraum betraf das 12. bis 14. Jahrhundert. Tradition konnte als Begrenzung königlicher Machtentfaltung wirken, wie dies STEFAN GEYER (Universität Zürich) am Beispiel der Besteuerung und des Widerrufs von Besteuerungen durch die französischen Könige des 14. Jahrhunderts aufzeigte. KLARA HÜBNER (Université de Fribourg) untersuchte die begrenzten Möglichkeiten der Herrschaftsausübung durch Boten und Briefe im Gebiet der Schweiz. Ein Schwergewicht legte sie dabei auf die Verfahren des Informationsaustausches und der Befehlsübermittlung durch Briefe und Boten, durch schriftliche Texte und mündliche Anweisungen und Besprechungen. Nach der Beweiskraft kartographischer Darstellungen fragte der Vortrag von RALPH RUCH (Universität Zürich). Sowohl konkrete Konflikte – wie zwischen mehreren Feudalherren in England – als auch theoretische Reflexion – wie bei dem Jurist Bartolo da Sassoferrato – zeigen Beweiskraft wie auch deren eingeschränkte Verwendung in juristischen Auseinandersetzungen.

Valentin Groebner (Universität Luzern) leitete die Sektion zum Thema „Grenzen des Ökonomischen: Der Mensch als Ware zwischen Mittelalter und Moderne“. Behandelt wurde die Abgrenzung zwischen legitimen und illegitimen Formen ökonomischer Transfers, sofern sie den Kauf und Verkauf von Menschen betrafen. Unter anderem ging es um den militärischen Solddienst von Schweizern, der von den Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts – etwa durch Huldrych Zwingli – in drastischen Worten verurteilt wurde. Die Weiterungen des Kriegsdienstes, wie Gefangenschaft, Geiselnahme, Lösegeldzahlung, erfassten ein weites Spektrum von Fragen, die den Status des menschlichen Körpers als Objekt von Handelsbeziehungen betrafen und unterschiedliche Verfahren des Debattierens sowie unterschiedliche Praktiken des kommerziellen Geschäfts begleiteten. Das Referat von MICHAEL JUCKER (Universität Luzern) thematisierte die Preisbildung von Geiseln und von Pferden im mittelalterlichen Krieg. Es ging dabei um die Verfahren des Aushandelns, um die daran beteiligten Personen, aber auch um die Rechte der Geiseln, die als Handelsgut in einen ökonomischen Kreislauf traten. Ethische und juristische Normen standen im Gegensatz zu einer mitunter gewalttätigen Praxis. Eine Konkretisierung des Themas bot BENJAMIN HITZ (Universität Luzern), der den Solddienst der schweizerischen Söldner behandelte. Er fragte nach den Motiven der Söldner, dem zu erwartenden und realisierten Gewinn und der Bewertung des Nutzens, der von vielen Kritikern aber auch von Betroffenen skeptisch bis ablehnend bewertet wurde. Mit der Metapher der „Fleischbank“ die Körper als Gegenstände des Geschäfts bezeichnend, entfaltete sich eine Möglichkeit des Bewertens und Entwertens.

Die Sektion „Von der Authentica habita zur Deklaration von Bologna – Akademische Mobilität in epochenübergreifender Perspektive“ wurde von Tina Maurer (Universität Luzern) geleitet und Christian Hesse (Universität Bern) moderiert. Das Eingangsreferat von TINA MAURER (Universität Luzern) stellte Gemeinsamkeiten und Unterschiede akademischer Mobilität dar, wobei der Bogen der Reflexion vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart gespannt wurde. Die Suche nach Konstanten und Brüchen sollte die Sektion bestimmen. MAXIMILIAN SCHUH (Universität Münster) untersuchte die Rekrutierung von Magistern und Studenten am Beispiel der landesherrlichen Universität Ingolstadt seit 1472.

NILS BOCK (Universität Münster) und BASTIAN WALTER (Universität Münster) behandelten die Bedeutung von politischen Grenzen, ihre Markierung und ihre Sichtbarmachtung in der Sektion „Visualisierungen des Unsichtbaren. Entstehung und Verdichtung politischer Grenzziehungen im europäischen Spätmittelalter“. Zeitgenössische Reflexionen von Geschichtsschreibern und Philosophen sollten Einsichten vermitteln in die ideologischen Grundlagen spätmittelalterlicher Herrschaftspraxis. CHRISTIAN FREY (Technische Universität Braunschweig) untersuchte in seinem Referat die Bedeutung von Burgen für die Konstituierung und damit zugleich für die Festigung von Grenzen. Untersuchungsgegenstand war die Konflikt- und Kontaktzone zwischen Sachsen und Slawen. Im Ergebnis beharrte er darauf, dass Zonen statt lineare Grenzen politische Herrschaftsräume voneinander schieden und die Grenzlandschaften in besonderer Weise sozial und politisch konfiguriert waren. Burgen kamen dabei mehrere Funktionen zu, nicht zuletzt die der Sichtbarmachung von Herrschaftsansprüchen und auch zur Herausbildung eines Grenzbewusstseins. Die Grenze zwischen dem Königreich Frankreich und der zum römisch-deutschen Reich gehörenden Grafschaft Hennegau behandelte JEAN-MARIE MOEGLIN (Université Paris 12, Val-de-Marne). Konflikte und die daraus entstehenden Kriege und juristischen Verfahren trugen dazu bei, die Bedeutung von Grenzen als Fakten politischen Handelns aufzuwerten und die Konsolidierung von Staatlichkeit zu fördern. KLARA HÜBNER (Université de Fribourg) untersuchte die Sprachgrenzen im späten Mittelalter vor allem im Bereich des südwestlichen römisch-deutschen Reiches. Die Bedeutung des Fremden und Anderen war entscheidend für die Herausbildung von Gruppenbewusstsein. Propaganda, wie von Kaiser Maximilian I. gegen die Franzosen, verfestigte Stereotype, deren Wirkung auf unterschiedliche soziale Milieus in dem Vortrag untersucht wurde.

Das Referat von ANJA RATHMANN-LUTZ (Universität Basel) behandelte innerhalb der Sektion „Plus ultra – Von Schwellen und der Imagination ihres Überschreitens“ ikonographische Darstellungen von Raumüberschreitungen und Raumgrenzen innerhalb und an Gebäuden. Untersuchungsgegenstände waren Bilder in der mittelalterlichen Buchmalerei. Das Zusammenspiel von Raum des Beobachters und imaginierten Raum des Dargestellten leiteten die Überlegungen des Referats. SIMON TEUSCHER (Universität Zürich) behandelte im Rahmen der Sektion „ Die Verwandtschaft im Baum – Genealogische Grenzziehungen und Konzepte der Vererbung vom Spätmittelalter bis zur modernen Genetik“ genealogische Konzepte des späten Mittelalters, die Grenzen der Verwandtschaft und Gemeinsamkeiten der Abstammung als Verfahren von Machterweiterung und Machterhaltung vorstellten. Die Reflexion über Verwandtschaft bezog sich seit ungefähr 1400 verstärkt auf ein materielles Substrat, das „Blut“, das als Garant von genealogischer Tradition und als Instrument der Vermischung vorgestellt wurde.

Alles in allem handelte es sich also bei den 2. Schweizerischen Geschichtstagen aus der Perspektive des Mittelalterhistorikers um eine sehr gewinnbringende Tagung.

Konferenzübersicht: Grenzen. Schweizerische Geschichtstage 2010, Mittelalterliche Geschichte

Grenzen der Vermittlung von Herrschaft
Verantwortung: Martina Stercken (Universität Zürich) / Claudia Zey (Universität Zürich)

Stefan Geyer (Universität Zürich), Das schlechte Gewissen des Königs. Tradition als Grenze und Grund königlicher Herrschaftsgewalt am Beispiel der Einrichtung von permanenten Steuern im Frankreich des 14. Jahrhunderts
Klara Hübner (Université de Fribourg), Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Grenzen der Herrschaftsumsetzung über Boten und Briefe im eidgenössischen Raum (13. bis 15. Jahrhundert)
Ralph Ruch (Universität Zürich), Grenzen der Beweiskraft kartographischer Darstellungen

Grenzen des Ökonomischen: Der Mensch als Ware zwischen Mittelalter und Moderne
Verantwortung: Valentin Groebner (Universität Luzern); Diskussion/Kommentar: Wolfgang Kaiser (Université Paris I Panthéon-Sorbonne)

Benjamin Hitz (Universität Luzern), Auf der Fleischbank
Simon Hofmann (Universität Zürich / Universität Luzern), Organmangel, Kampf um wertvolle Organe und Ängste vor Organraub und Organhandel. Transplantationsmedizin in der Schweiz 1969-1996
Michael Jucker (Universität Luzern), Wie viel Wert ist ein Mensch und was kostet ein Pferd? Kriegsökonomien und Grenzen der Verwertbarkeit im Mittelalter
Janine Kopp (Universität Luzern), Mumia – menschliche Körper als Arzneimittel in der Schweiz der frühen Neuzeit

Von der Authentica habita zur Deklaration von Bologna – Akademische Mobilität in epochenübergreifender Perspektive
Verantwortung: Tina Maurer (Universität Luzern); Moderation: Christian Hesse (Universität Bern)

Marian Füssel (Georg August Universität Göttingen), Grenzen erfahren. Migration in frühneuzeitlichen Selbstzeugnissen von Studenten und Gelehrten
Tina Maurer (Universität Luzern), Einleitung: Von der Authentica habita zur Deklaration von Bologna. Ein Überblick
Maximilian Schuh (Universität Münster), Ingolstadt oder Padua? Neue Möglichkeiten und Grenzen studentischer Mobilität im Reich des 15. Jahrhunderts
Chantal Vögeli (Universität Luzern), Akademische Mobilität im Spannungsfeld zwischen nationaler Identität und Internationalisierung

Visualisierungen des Unsichtbaren. Entstehung und Verdichtung politischer Grenzziehungen im europäischen Spätmittelalter
Verantwortung: Nils Bock (Universität Münster) / Bastian Walter (Universität Münster); Diskussion/Kommentar; Georg Jostkleigrewe (Universität Münster)

Christian Frey (Technische Universität Braunschweig), Grenzlandschaften – Burgenlandschaften?
Klara Hübner (Université de Fribourg), Die Tütschen und die Andern. Manifestationen von Sprachgrenzen im späten Mittelalter zwischen propagandistischem Nutzen und alltäglichem Sprachgebrauch
Jean-Marie Moeglin (Université Paris 12, Val-de-Marne), Entre Imperium et Regnum : le statut de la frontière entre le royaume de France et le Hainaut à la fin du XIIIe siècle
Referate

Plus ultra – Von Schwellen und der Imagination ihres Überschreitens
Verantwortung: Anja Rathmann-Lutz (Universität Basel)

Urte Krass (Universität München), Schwellensituationen im Silbersarkophag des Heiligen Franz Xavier in Goa
Gunnar Mikosch (Universität Basel), Grenzverschachtelungen - Jüdische Räume im Mittelalter
Anja Rathmann-Lutz (Universität Basel), Gemalte Schwellen – Grenze und Einladung
ZitierweiseTagungsbericht Grenzen. 2. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Mittelalter". 04.02.2010-06.02.2010, Basel, in: H-Soz-u-Kult, 01.06.2010, .

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