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Panelbericht: Pursuing Private Goals, Negotiating Constraints. Non-State Actors, Wealth and Colonialism(s) in African History

Autor / Autorin des Berichts: 
Dorothee Rempfer
dorothee.rempfer@studium.fernuni-hagen.de
FernUniversität Hagen

Citation: Dorothee Rempfer : « Panelbericht: Pursuing Private Goals, Negotiating Constraints. Non-State Actors, Wealth and Colonialism(s) in African History », infoclio.ch comptes rendus, 05.07.2019. En ligne: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0195>, consulté le 04.12.2020.

Verantwortung: Andreas Greiner / Kai Herzog
Referierende: Kai Herzog / Wiliam Blakemore Lyon / Brian Ngwenya



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ANDREAS GREINER (Zürich) leitete das Panel ein, in dem anhand unterschiedlicher Beispiele diskutiert wurde, inwiefern afrikanische und europäische nichtstaatliche Akteure die koloniale Situation nutzten, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Die ambivalente Rolle der Europäer einerseits und die Handlungsfähigkeit kolonialer Subjekte andererseits standen dabei im Fokus.

Im ersten Beitrag standen afrikanische Männer und Frauen im Mittelpunk, die im späten 19. Jahrhundert auf Farmen, in Minen und Haushalten im südlichen Afrika beschäftigt waren. KAI HERZOG (Basel) erläuterte, dass diese neuen Beschäftigungsmöglichkeiten Wege boten, an wirtschaftlichen Wohlstand und Reichtum zu kommen – dies in einer Zeit, in der die traditionelle Viehwirtschaft dies nicht mehr leisten konnte. Die höchsten Löhne seien zwar in Minen bezahlt worden, allerdings seien auch die Lebenshaltungskosten höher und die alltägliche Gewalt verbreiterter gewesen als in Anstellungsverhältnissen auf Farmen. Am Beispiel von Dawid Dawids zeigte Herzog aber auch auf, wie es einem Herero bereits 1870 gelang, als Angestellter bei einem weissen Farmer seinen eigenen Viehbestand derart zu vergrössern, dass er sich um 1900 als politisch einflussreiche Persönlichkeit etablieren konnte. Es sei für afrikanische Männer und Frauen durchaus möglich gewesen, in den neuen Beschäftigungsverhältnissen zu Wohlstand und Reichtum zu gelangen. Um sich gegen die erfahrene Gewalt zu wehren, nutzten Afrikanerinnen und Afrikaner nachweislich das koloniale Gerichtssystem als Korrekturinstanz. Sie erstatteten Anzeigen und zogen vor Gericht. So gelang es ihnen in gewissem Masse, die Willkür der Arbeitgeber zu beschränken. Damit, so betonte Herzog, war es afrikanischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durchaus möglich, das koloniale Arbeitsverhältnis aktiv mitzugestalten.

Andererseits zeigten seine Beispiele auch die Grenzen des Handlungsspielraums. Denn es sei für afrikanische Arbeiterinnen und Arbeiter immer mit grossen Risiken verbunden gewesen, sich gegen ihre Arbeitgeber aufzulehnen. Sie riskierten ihr Beschäftigungsverhältnis und damit ihre ökonomische Absicherung, unabhängig davon, ob ihnen vor Gericht Recht zugesprochen wurde. Aber auch strukturelle Unterschiede waren entscheidend. So war es den Arbeiterinnen und Arbeitern auf einer Farm oder in einem Privathaushalt eher möglich, gegen ungerechte Behandlung vorzugehen als den Angestellten einer Privatkompanie. Denn letztere hätten sich offensichtlich, so zeigt Herzogs Forschung, dem kolonialen Gerichtssystem entziehen können. Die erfahrene Gewalt und die Möglichkeit, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, seien also stark vom Beschäftigungsverhältnis, aber auch vom sozialen Status und nicht zuletzt vom Geschlecht der afrikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter abhängig gewesen.

Der zweite Beitrag befasste sich mit der, wie WILLIAM BLAKEMORE LYON (Berlin) es nannte, „vergessenen Arbeiterkraft“ in der deutschen Kolonie Südwestafrika während des Kolonialkrieges von 1904 bis 1908. Zunächst unterschied Lyon zwischen drei Formen von Arbeitsverhältnissen, die zu dieser Zeit vorherrschten: die Zwangsarbeit der gefangenen Herero und Nama, die europäische – hauptsächlich italienische – Arbeitsmigration und die innerafrikanische Arbeitsmigration von Ovambo aus Nordnamibia und jener aus der Kapkolonie.

Bereits seit 1904 wurden in Europa gezielt italienischsprachige Arbeiter angeworben. Auch am Kap wurden willige Arbeiter gesucht. Eingesetzt wurden sie für sechs bis acht Monate in Minen und beim Bau der Eisenbahn. Sie be- und entluden Lieferungen der Kolonialschiffe in Lüderitz und Swakopmund und arbeiteten als Wagenfahrer für das deutsche Militär. Lyon argumentierte, dass die Erfahrungen mit den Arbeitern während des Kolonialkriegs zur Grundlage für die weiteren Entwicklungen der Kolonialökonomie wurden, die vor allem durch die Entdeckung der Diamanten seit 1908 exponentiell wuchs. Er bezeichnet diese Phase deshalb auch als „Experimentierphase“. Die Zwangsarbeit habe sich aufgrund der hohen Todesrate als unhaltbar gezeigt. Die europäische Migration war geprägt von finanziellen Schwierigkeiten mit den Zwischenhändlern, Streiks der Arbeiter für bessere Rahmenbedingungen und der omnipräsenten Angst der Arbeiter in kriegerische Handlungen involviert zu werden. Aus diesen Gründen gingen die meisten der rund eintausend italienischsprachigen Arbeiter 1905 wieder nach Europa zurück. Etablieren konnte sich hingegen die afrikanische Arbeitsmigration, die auch in der Zeit nach 1908 die Mehrheit der Arbeiterschaft stellte. Doch auch die Afrikaner schlossen sich immer wieder zusammen, um gegen herrschende Arbeitsbedingungen zu protestieren, wobei sich die Forderungen weitgehend mit jenen der italienischen Arbeiter deckten.

Warum also waren Arbeiter bereit, unter solchen Bedingungen zu arbeiten? Laut Lyon war es vor allem der Wunsch, schnelles Geld zu verdienen. Nicht ganz klar sei allerdings, inwiefern die Arbeiter wirklich über die politische Lage und damit den Krieg informiert waren. Die Frage aus dem Plenum, ob es Situationen gab, bei denen sich weisse und schwarze Arbeiter zusammenschlossen, konnte nicht abschliessend beantwortet werden. Hinweise dazu existierten zwar, so Lyon, einschlägige Beweise fehlten aber noch.

Im dritten Beitrag untersuchte BRIAN NGWENYA (BASEL) die Rolle, die Kuyedza Klubs im sozialen und kulturellen Leben der afrikanischen Mitglieder der British South Africa Police (BSAP) gespielt hatten. Mit seiner thematischen Ausrichtung hob er sich von den beiden vorherigen Beiträgen ab. Auch sein zeitlicher Schwerpunkt unterschied ihn von seinen Vorgängern, deren Beiträge um die Jahrhundertwende angesiedelt waren, während Ngwenya auf die Zeit nach 1958 fokussierte. Ausgangspunkt seiner Untersuchung war die Frage, warum tausende afrikanischer Männer gewillt waren, als Polizisten Teil der Kolonialadministration zu werden. In seinen Ausführungen konzentrierte er sich jedoch auf die bedeutende Rolle der Frauenklubs für die Konstruktion einer gemeinsamen Identität.

Gegründet wurden die Frauenclubs 1958, um zu verhindern, dass afrikanische Frauen in der antikolonialen Bewegung politisiert wurden. Ausserdem sah die Kolonialregierung darin eine Möglichkeit, über die Frauen Einfluss auf die Loyalität der Männer zu nehmen, die nicht immer gewährleistet war. Um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der afrikanischen Mitglieder der BSAP zu verbessern, baute die Kolonialadministration spezielle Wohnsiedlungen – sogenannte Camps – für die Angehörigen der Polizei. Dort waren die Klubs beheimatet. Geführt wurden sie von Frauen afrikanischer Polizisten, aber auch Frauen europäischer Polizisten waren involviert. Ngwenya legte dar, wie diese Klubs wesentlich zur Entwicklung eines ganz spezifischen Rollenverständnisses der Ehefrau beigetragen hatten, indem sie Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Nähen, Kochen und Sticken vermittelten, die wiederum als Errungenschaften der Moderne proklamiert wurden. Damit, so betonte er, wurden gerade diese Klubs mit ihrer Vorbildfunktion zu wichtigen Instrumenten bei der Entwicklung afrikanischer Identität und Modernität. Für die Frauen bildeten diese Kurse soziale Aufstiegsmöglichkeit.

Bisher wurden die Frauenklubs als Teil des Homecraft Movement diskutiert und vor allem aus anthropologischer und soziologischer Perspektive beleuchtet. Dabei blieben Fragen von Gender, Machte, Rasse und Klasse unbeachtet. Gerade hier sah der Referent eine Forschungslücke, die er mit seiner Forschung zu füllen beabsichtigt. Dabei fragt er nach der Konstruktion von Identität durch die Frauen dieser Klubs und ihrem Einfluss auf die Dekolonisierung selbst.

In der folgenden Diskussion wurde abschliessend die Frage nach den verwendeten Quellen aufgeworfen. Während die Forschungen von Ngwenya vor allem auf Interviews basieren, stützen sich Lyon und Herzog bei ihren Untersuchungen auf Geschäftsakten der verschiedenen Kompanien, Gerichtsakten und weitere Dokumenten der Kolonialregierung.


Panelübersicht:

Herzog, Kai: Prospects, Disposession and Everyday Violence: African Farm, Mine and Domestic Workers within the Expanding Settler Colonial Sphere of the Lower Orange River Border Region, c. 1880-1903

Lyon, Wiliam Blakemore: Global Mirgrant Labor in Namibia during the Herero and Namaqua Genocide: 1904-1908

Ngwenya, Brian: Kuyedza: African Police Wives Homecraft Club. Identity and Politics in Late colonial Zimbabwe



Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen

Manifestazione: 
5. Schweizerische Geschichtstage
Organizzato da: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Universität Zürich
Data della manifestazione: 
05.06.2019
Luogo: 
Zürich
Lingua: 
d
Report type: 
Conference