Zwischen Schutz, Normierung und Gewalt. Sexualitätsgeschichtliche Perspektiven auf Kindheit und Jugend im Kontext der Fürsorge (1950-1980) - 15.09.2017

15.09.2017

Die zeithistorische Forschung hat sich in den letzten Jahren vermehrt der Geschichte der Fürsorge für Kinder und Jugendliche angenommen. Dabei hat sich gezeigt, dass die historische Kinder- und Jugendfürsorge sowie die mit ihr verschränkten Institutionen als wichtige soziale Orte verstanden werden können, wo (unter anderem) Sexualität diskursiv verhandelt wurde. Sie erscheinen als Kristallisationspunkt für den widersprüchlichen Umgang mit kindlicher und jugendlicher Sexualität, indem sie sich einerseits dem Schutz der Kinderrechte, aber andererseits auch der Normierung und Disziplinierung kindlicher und jugendlicher Lebensweisen verpflichtet sahen. Die in das „Fürsorgeregime“ eingebundenen Institutionen der Jugendfürsorge (Jugendämter, Kinder- und Erziehungsheime), Gerichte (Vormundschafts-, Straf- und Verwaltungsgerichte) sowie Einrichtungen eines mediko-pädagogischen Expertentums (u.a. Psychiatrie und Psychologie, Heil-, Sonder- und Sozialpädagogik, Sexualwissenschaften) entfalteten durch die Art ihrer Zusammenarbeit eine spezifische gesellschaftliche Wirkmächtigkeit. Ihre Tätigkeit war dabei durch dominante diskursive Figuren und institutionalisierte Deutungs- und Handlungsroutinen gekennzeichnet. Oftmals wurden in den diskursiven Aushandlungen und in der praktischen Fürsorgearbeit die Abgrenzungen der Begriffe „Sexualität“, „sexuelle Devianz“ und „sexuelle Gewalt“ unscharf und unterlagen situativen Umdeutungsprozessen.

Im Mittelpunkt der Beiträge des Workshops stehen solche auf kindliche bzw. adoleszente Sexualität bezogenen Herstellungsprozesse von Normen und Entscheidungen innerhalb der Institutionen des „Fürsorgeregimes“. So sollen am Beispiel aktueller Forschungen aus der Schweiz und Österreich die unterschiedlichen Logiken herausgearbeitet werden, die in der Auseinandersetzung mit Sexualität von Kindern und Jugendlichen im Bereich der Fürsorge zum Tragen kamen, um das Spannungsfeld zwischen Schutz, Normierung und Gewalt zu diskutieren. Hierbei gilt es auch, die jeweils wirksamen sozialen Differenzlinien wie gender, class, racy/ethnicity, sexualtity/desire in den Blick zu nehmen. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit den zentralen Begriffen „Sexualität“, „sexuelle Devianz“ und „sexuelle Gewalt“ soll auch die Frage im Zentrum stehen, welche Auswirkungen die vielbeschworene sexuelle Liberalisierung der „zweiten Moderne“ hinsichtlich des Rechtes auf Schutz wie auch des Rechtes auf eine (selbstbestimmte) Sexualität hatte. Schliesslich geht es darum, die Perspektiven der betroffenen Kinder und Jugendlichen aufzuzeigen und der Frage nachzugehen, inwieweit sie den institutionellen Deutungen widersprachen und welche Formen von sexual agency sie selbst entwickelten.

Organisateurs: 
Organisiert durch Prof. Dr. Martin Lengwiler (Basel), Dr. Sonja Matter (Basel), Nora Bischoff (FU Berlin)
Contact
Prof. Dr. Martin Lengwiler
Lieu de l'événement
Departement Geschichte Universität Basel
Hirschgässlein 21
4051
Basel
Bâle Ville
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Coûts de participation
Prix de l'événement: 
0.00 CHF
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Délai d'inscription: 
31.08.2017