Brot für Loyalität? Der Einfluss der globalen Getreidepreise auf den Ausbruch der arabischen Revolten 2010-2011

Nom de l'auteur 
Dominic Jenni
Type de travail 
Masterarbeit / Mémoire de master
Statut 
abgeschlossen/terminé
Nom du professeur 
Prof. Christian Gerlach
Institution 
Historisches Institut
Lieu 
Bern
Année 
2016/2017
Abstract 


Die Tatsache, dass Nahrungsmittelpreise einen negativen Einfluss auf die politische Stabilität von Staaten und Imperien haben können, ist nicht erst seit der Französischen Revolution bekannt. Nahrungsmittelunruhen ziehen sich als historische Konstante durch grosse Teile der Menschheitsgeschichte. Auch Nordafrika war seit den 1960er Jahren von Nahrungsmittelunsicherheit und Importabhängigkeit betroffen. Verantwortlich dafür sind mitunter die harten klimatischen Bedingungen, die Unterentwicklung des Agrarsektors und das starke Bevölkerungswachstum der Region. 2011 importierte Tunesien 65% seines Getreideverbrauchs aus dem Ausland. In Libyen waren es 95% und in Ägypten 45%. In absoluten Zahlen war Ägypten 2010 der grösste Weizenimporteur weltweit.
Anfang 2011 vermeldete der FAO-Nahrungsmittelpreisindex den höchsten Wert für Getreidepreise seit dem Start seiner Aufzeichnung. Zeitgleich kam es in mehreren arabischen Staaten zu landesweiten Revolten. In Ägypten, Libyen und Tunesien entwickelten sich die Volksaufstände zu Revolutionen, an deren Ende die Absetzung dreier Langzeitpräsidenten stand. Eine der populärsten Parolen der Protestierenden in Kairo lautete: „Brot, Freiheit und Menschenwürde!“ Eine zufällige Korrelation? Diese Arbeit untersucht die Wirkung des Faktors Getreidepreise auf die politische Stabilität der arabischen Republiken im Vorfeld und während der Revolten 2010 bis 2011. Im Sinne eines Forschungsbeitrags aus historischer Perspektive werden quantitative Daten wie Handels- und Produktionsstatistiken mit qualitativen Quellen wie Parolen, Fotos und Blogbeiträgen in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung weisen auf einen beschränkten und indirekten Einfluss der Nahrungsmittelpreise auf den Ausbruch der arabischen Revolten hin.
Es zeigt sich, dass alle drei untersuchten Staaten ihre Bevölkerung mit umfassenden Subventionsprogrammen gegen die hohen Getreidepreise abschirmten. Die Analyse der Transmission der internationalen Preise auf die nationalen Märkte zeigt zwar, dass das globale Preishoch für 40% der Nahrungsmittelinflation in Ägypten, 20% in Libyen und 10% in Tunesien verantwortlich war. Dieser Effekt wirkte sich jedoch erst nach einer durchschnittlichen Zeitdauer von 6-12 Monaten aus. Die tatsächliche nationale Nahrungsmittelinflation war im Winter 2011, mit Ausnahme von Weizen in Ägypten, moderat. Doch sowohl die Subventionen der Grundnahrungsmittel als auch die verzögerte Transmission wurden von vielen Studien, welche eine direkte Korrelation zwischen den hohen internationalen Getreidepreisen und den arabischen Revolten von 2010-2011 herstellten, ignoriert. In den in dieser Arbeit untersuchten Quellen können zudem keine effektiven Nahrungsmittelknappheiten festgestellt werden. Die arabischen Revolten 2010-2011 waren folglich keine Revolutionen der Hungernden.
Gleichwohl werden im Rahmen dieser Untersuchung drei Wirkungsweisen identifiziert, über welche die Getreidepreise Einfluss auf die politische Stabilität der untersuchten Staaten hatten: Erstens führte die Nahrungsmittelinflation in Ägypten zu einem ernstzunehmenden Wohlstandsverlust der Mittelklasse. Damit kumulierten sich die Nahrungsmittelpreise mit einer Reihe von weiteren sozioökonomischen Frustrationsquellen. Entsprechend der Befunde der Arab Barometer- Studie war es genau diese soziale Schicht (gebildet, unter 44 Jahre, ökonomisch frustriert), welche an den Massendemonstrationen am stärksten vertreten war. Zweitens, die Brotversorgungskette war eines der deutlichsten Beispiele für Korruption und V etternwirtschaft auf allen V erarbeitungsstufen. Eine Tatsache, die im Zusammenspiel mit der Umsetzung von Strukturanpassungsprogrammen und hohen Nahrungsmittelpreisen bereits 1977, 1984 und 2008 zu Volksaufständen in Nordafrika führte. Drittens verkörperte Brot im Gesellschaftsvertrag jener Länder die Gesamtheit aller Leistungen und Güter, welche die Bevölkerung im Austausch für ihre politische Loyalität von ihrer Staatsführung erwartete. Ungenügender Zugang zu Grundnahrungsmittel stand in den Augen der Bevölkerung für das Versagen der politischen Eliten. Der langjährige Zerfall dieses Gesellschaftsvertrags gipfelte in den Revolten 2010- 2011, in deren Vorfeld Brot im übertragenen Sinne knapp und als Nahrungsmittel teurer wurde. Die starke Präsenz von Brot in der Protestsymbolik der Revolten wird in dieser Arbeit nicht in erster Linie auf Nahrungsmittelknappheit sonder auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs Brot zurückgeführt.