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Wohnen und die Ökonomie des Raumes - Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte

15. November 2010 Add to calendar
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Wohnen und Habitat sind entscheidende Aspekte des Alltagslebens. Ebenso wie die bauliche Umwelt und die Ökonomie des Raumes stellen sie entscheidende Dimensionen und Produkte des Lebens und Handelns in Gesellschaften dar. Privatheit und Öffentlichkeit, imaginäre und materielle Kategorien, Märkte und soziale Ordnungen sind Dimensionen, die sich sowohl in der longue durée als auch in der kurzfristigen Krise oder im Familienzyklus beobachten lassen.

Die lebensweltliche Bedeutung dieser Themen steht in einem paradoxen (Miss-)Verhältnis zu ihrem Rang als Gegenstände der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Es fällt gegenwärtig besonders auf, wie wenig sich die aktuelle finanzpolitische Brisanz des Hypothekarkredits oder das Gewicht der Bau- und Immobilienmärkte, die Verschiebungen zwischen öffentlichen und privaten Sphären, die Verbindungen zwischen Wohnbedürfnissen und sich wandelnden Haushalts- und Familienformen, der Stadt- und Raumplanung usw. auf die Forschungsagenda von Sozial- und Wirtschaftshistorikern und -historikerinnen auswirken.

Zumindest im deutschsprachigen Raum liegen die goldenen Zeiten des Interesses für Urbanisierung, Städtebau, Wohnungspolitik und Arbeiterwohnen eine Weile zurück; die von 1996-1999 in fünf Bänden veröffentlichte „Geschichte des Wohnens“ (München: DVA) stellt gewissermaßen den Abschluss einer Epoche dar. Bodenmärkte und Mieten sind dabei nie aus der Spezialistenecke herausgekommen. In Frankreich und im anglo-amerikanischen Raum macht sich dieses breitere Interesse nach wie vor bemerkbar; besonders in der französischen Sozialgeschichte wirken die Anregungen des Annales-Historikers Bernard Lepetit weiter nach. Hinzu gekommen sind zahlreichen Impulse aus der Raumsoziologie, der postmodernen Geographie oder der internationalen Urbanitäts- und Metropolenforschung. In der Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit entfalten sich erst jetzt wieder neue Debatten über Wohn- und Haushaltsformen – in Weiterführung der Kritik an Konzepten des «ganzen Hauses» oder der an Immobilien gebundenen «famille souche» als den Grundeinheiten vor-moderner Gesellschaften. Die Kategorie des Raumes selbst – seine (politische) Ökonomie, seine Konstruktion durch soziales Handeln, seine kurz- und langfristigen strukturierenden Wirkungen, seine Prägung durch individuelles Erlebnis und kulturelle Zeichensysteme – ist in äusserst anregender und innovativer Weise zum Gegenstand geworden.

Überhaupt bietet das Rahmenthema dieser Tagung viele Anknüpfungspunkte: Zum einen verbindet es ohne Mühe wirtschaftshistorische mit sozialgeschichtlichen Ansätzen; es ist offen für quantitative wie qualitative, mikro- wie makrohistorische, struktur- oder erfahrungs-bezogene Ansätze und kann HistorikerInnen aller Epochen ebenso wie historisch arbeitende SpezialistInnen aus den Nachbardisziplinen interessieren. Zum anderen eröffnen sich von den angesprochenen Fragestellungen aus eine ganze Reihe von Kontaktzonen mit neueren Ansätzen in den Humanwissenschaften (wofür Stichworte wie Kultur & Wirtschaft, Konstruk-tionen von Privatheit und Öffentlichkeit, Geschlechterverhältnisse, „spatial turn“, „mental maps“, Umweltgeschichte, usw. genügen mögen.) Die Absicht der Tagung ist es also, neue und laufende Arbeiten vorzustellen und die teilweise außerordentliche divergenten Ansätze und Forschungsdebatten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (SGWSG) wird diesen Fragen auf ihrer Jahrestagung 2011 nachgehen und lädt Forscherinnen und Forscher ein, ihre Arbeiten zu diesen Themen vorzustellen. Besonderes Interesse besteht an Studien zur Ökonomie des Raumes, zur Konstruktion privater und öffentlicher Räume sowie zu den sozialen, kulturellen und materiellen Dimensionen des Wohnens. Der zeitliche Rahmen reicht vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart.

Bitte senden Sie Ihr Exposé (maximal 3000 Zeichen) bis zum 15. November 2010 an: christoph.conrad@unige.ch

Sie werden bis Ende des Jahres Antwort auf Ihre Vorschläge erhalten.

Mögliche Themen

- Warum ist die Schweiz ein Mieterland?
- Wohnen zwischen individuellem Grundbedürfnis und Konsumgut
- Wohnen als Ausgangspunkt politischer Konflikte und sozialer Mobilisierungen
- Mieterverbände und Mietpreispolitik
- Behördliche Wohnpolitik und staatliche Interventionen auf dem Wohnungsmarkt
- Fiskalpolitik und Wohneigentum
- Trends und regionale Differenzierung in Bodenpreisen und Mieten
- Immobilienmärkte und soziale Netzwerke
- Hypothekarkredit, Spekulation und Krisen
- Professionalisierung von Experten und Mittlern: Immobilienmakler, Wohnungs-vermittler, Hausverwaltungen usw.
- Praktiken der Konstruktion von Öffentlichkeit und Privatheit
- Das ganze Haus als Grundeinheit vormoderner Sozialordnungen
- Nachbarschaft
- Generationen, Geschlechter, Lebenszyklen, Haushalts- und Familienformen
- Wohnkulturen, soziale Distinktion und Identitätskonstruktionen
- Sozialtopographien, Segregation, gentrification, Suburbanisierung und Quartiersbildung
- Migration und Habitat
- Ausdifferenzierung des Wohnraums und der Trend zum Rückzugswohnen
- Touristische Ökonomie des Raumes
- Die Unwirtlichkeit der Städte
- Stadterneuerung und -planung, Persistenz und Wandel von Raumstrukturen
- Historizität des Raums, Heterotopien, Freiräume, Gegenwelten

Organisiert von: 
Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (SGWSG)

Veranstaltungsort

A définit
-
3000
Bern

Kontakt

Prof. Christoph Conrad

Zusätzliche Informationen

Kosten

0.00 CHF

Anmeldung

Anmeldung bei Kontaktperson
Anmeldeschluss: 
14.11.2010 - 23:00