Doing House. Social, Cultural and Political Practices in Early Modern Europe

Autor / Autorin des Berichts: 
Heinz Nauer
Historisches Institut der Universität Bern
Zitierweise: Nauer, Heinz: Doing House. Social, Cultural and Political Practices in Early Modern Europe, infoclio.ch Tagungsberichte, 2018. Online: <https://doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0161>, Stand:


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Der Haushalt, die Familie und die Verwandtschaft dienten in der historischen Forschung lange zur Erklärung, wie die Gesellschaft in einem ungefähren Vorher funktionierte.1 In dieser Erzählweise ging gesellschaftlicher Wandel häufig einher mit einem Bedeutungsverlust von familiären und verwandtschaftlichen Strukturen. In den letzten zwei, drei Jahrzehnten änderte sich dies. Zahlreiche historische Studien beschreiben Haushalt, Familie und Verwandtschaft nun als Triebfeder, die gesellschaftlichem Wandel nicht einfach unterworfen war, sondern solchen evozierte.2 Im Zuge des „cultural turns“ setzten und setzen viele dieser Arbeiten einen Schwerpunkt auf die historischen Akteure und ihre Praktiken und weniger auf Strukturgeschichte.

Drei Forschungsgruppen aus der Schweiz, Schweden und Dänemark, die in jeweils mehrjährigen Projekten einen solchen, innovativen Blick auf die Geschichte von Haushalt, Familie und Verwandtschaft im Übergang von der Vormoderne in die Moderne zu gewinnen versuchen, diskutierten am 11. und 12. Juni an der Tagung „Doing House. Social, Cultural and Political Practices in Early Modern Europe“ an der „Royal Academy of Letters, History and Antiquities“ in Stockholm die gesellschaftliche Funktion von Haushalt und Familie in der Geschichte.

Das von MARIA ÅGREN (Uppsala) geleitete Projekt „Gender and Work“ fragt nach der alltäglichen Arbeit von Frauen und Männern in Schweden vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Die Antworten sollten so konkret wie möglich sein, hielt Ågren in ihrer Einführung fest. Seit 2010 hat man deshalb eine Datenbank aufgebaut, in der mehr als 20`000 Beispiele vor allem aus Gerichtsakten aus dem 16. bis ins 19. Jahrhundert zusammengetragen wurden, in denen historische Akteure ihre tägliche Arbeit beschrieben. Die Datenbank dient als Grundlage für die „verb-oriented method“, die nicht auf generalisierende Berufsbezeichnungen setzt, sondern das Partizip Präsens des „doing“ ernst nimmt und genau hinschaut, mit welchen Verben historische Akteure ihre alltägliche Arbeit beschrieben.3 Das in Bern, Basel, Lausanne und Luzern angesiedelte Projekt „Doing House and Family“ ist föderalistischer organisiert und heuristisch weniger stark auf eine einzelne Forschungsfrage ausgerichtet. Mit dem schwedischen Projekt teilt es den Fokus auf historische Praktiken in und um die „häusliche Sphäre“ (domestic sphere), was JOACHIM EIBACH (Bern) in seiner Einführung betonte. Das dänische Projekt „Lutheranism and societal development in Denmark“, Teil des Forschungsnetzwerks „Lutheran Mentality“ (LUMEN), ist stärker ideengeschichtlich orientiert und untersucht den Einfluss von lutheranischem Gedankengut auf den Haushalt, der für Lutheranerinnen und Lutheraner im 18. Jahrhundert als „wichtigste gesellschaftliche Einheit“ galt, wie NINA JAVETTE KOEFOED (Aarhus) festhielt.

Im Zentrum der Tagung standen indes vor allem Nachwuchsforschende aus den jeweiligen Projekten, die je nach Arbeitsstand Quellen, Fragen und Methoden oder Ergebnisse aus ihrer Forschung präsentierten. Im Folgenden kann aus Platzgründen nur eine subjektive Auswahl der Präsentationen berücksichtigt werden.

ERIC HÄUSLER (Bern) und ARNO HALDEMANN (Bern) stellten Resultate aus ihren Fallstudien aus dem Kanton Bern im 18. und 19. Jahrhundert zur Diskussion. Häusler beschäftigt sich mit der Institution des „Geltstags”, dem Tag, an dem bei einem Bankrott eines Haushalts die Gläubiger zusammentraten, um ihre Forderungen in Form einer Versteigerung einzutreiben. Der „Geltstag“, so Häusler, war eine sozial breit abgestützte Form, mit ökonomischem Scheitern umzugehen. Insbesondere betonte Häusler die erstaunliche Kontinuität dieser Institution, die in Bern während fünf Jahrhunderten bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts Bestand hatte. Haldemann präsentierte Resultate aus seiner Arbeit zur Eheschliessungspraxis, die er als einen Aushandlungsprozess beschrieb, an dem verschiedene Akteure beteiligt waren: Exponenten der Obrigkeit, die eine abstrakte Bevölkerungspolitik konkret umzusetzen versuchten, Familienangehörige, Nachbarsleute und Bekannte und schliesslich die „Heiratslüstigen“, wie sie in den Quellen manchmal genannt werden. Mit Verweis auf das Konzept des „Eigen-Sinns“ (Alf Lüdtke), legte Haldemann dar, dass es den Heiratswilligen, für die Ehehindernisse bestanden, in den Jahrzehnten vor 1800 in mehr als der Hälfte der Fälle gelang, ihre Interessen vor Gericht durchzusetzen.

Ebenfalls massgeblich auf Gerichtsakten als Quellen stützten sich ANETTE LARNER (Aarhus) und MARIA NORBY PEDERSEN (Aarhus). Larner betonte in ihrem Beitrag die wichtige Rolle der christlichen Erziehung – in Familien und analog dazu in Gefängnissen und Arbeitsanstalten – für die ideologische Konstruktion des „guten Haushalts“ in der Frühen Neuzeit. Als Modell für soziale Beziehungen diente dabei insbesondere das vierte Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren“), so Larner. Pedersen beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem Einfluss lutheranischen Denkens auf die Armenfürsorge in Dänemark zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert. Erste Ergebnisse ihrer Forschung deuten in die Richtung, dass die Armen – ähnlich wie im frühneuzeitlichen England – stets in Bezug auf ihre Zugehörigkeit zu einem Haushalt beurteilt wurden, dessen Vorstand, der „Hausvater”, im Denken Luthers höchste Autorität besass.

Klare Ergebnisse wurden auch aus dem schwedischen Projekt „Gender and Work“ präsentiert. CAROLINA MENKER (Uppsala) beispielsweise konnte in einer Fallstudie zur ökonomischen Situation von älteren Menschen in der Pfarrei Vendel im nördlichen Schweden zeigen, dass im 18. Jahrhundert die Mehrheit der über 60 Jahre alten Männer und nicht selten auch Frauen einem eigenen Haushalt vorstanden, wobei die finanzielle Unabhängigkeit manchmal nur noch teilweise bestand und Hand in Hand gehen konnte mit verschiedenen Unterstützungsformen, zum Beispiel durch die Pfarreien. Insgesamt, so lässt sich ein zentraler Aspekt aus dem „Gender and Work“-Projekt zusammenfassen, war das Geschlecht im frühneuzeitlichen Schweden nicht in jedem Fall ein entscheidender Faktor in der Arbeitsteilung. Männer wie Frauen führten häufig mehrere Arbeiten gleichzeitig aus („multiple employment“). Die Grenzen zwischen Arbeit Zuhause und Arbeit ausserhalb waren dabei äusserst fliessend.

Es liegt in der Natur einer solchen Tagung, dass nicht alle unter ihrem Dach versammelten Projekträume gleichermassen zur Kohabitation geeignet sind. Doch ergaben sich zahlreiche fruchtbare Querverbindungen, etwa zwischen den Projekten von DAG LINDSTRÖM und GÖRAN TAGESSON (Uppsala) auf der einen und ANNE SCHILLIG (Luzern) auf der anderen Seite, die sich beide im Umfeld der „material culture studies“ mit der Frage beschäftigen, wie gebauter Wohnraum und das Zusammenleben seiner Bewohnerinnen und Bewohner sich zueinander verhielten. Eine Klammer für mehrere Projekte bot auch das Konzept des „open house“ (Joachim Eibach). ELISE VOERKEL (Basel) integrierte in ihre Präsentation zur Erziehung von Kindern im bürgerlichen Basel um 1800 zusätzlich das aus der Anthropologie entliehene Konzept der „child circulation“.4 Die Elternschaft wurde häufig auf mehrere Personen inner- und ausserhalb der sogenannten Kernfamilie aufgeteilt. Es handelte sich dabei um ein „doing family in different houses“, so Voerkel, wobei die Eltern auch aus der Distanz in die Erziehung involviert blieben.

LUCAS RAPPO (Lausanne) beschäftigt sich mit dem Heirats- und Hypothekarwesen unter dem Aspekt von Verwandtschaft und Nachbarschaft in der Westschweiz. In einer Fallstudie zur protestantischen Waadtländer Gemeinde Corsier-sur-Vevey stellte er für die Sattelzeit eine signifikante Intensivierung endogamer Heiratspraktiken fest: Zum einen gab es eine Zunahme von Heiraten unter nahen Verwandten. Für protestantische Gebiete war dieses Phänomen bislang noch kaum untersucht.5 Zum anderen, so Rappo, lasse sich eine Praxis der Eheschliessung auch unter nicht miteinander verwandten Angehörigen der dörflichen Gemeinschaft feststellen. Ob die direkte Nachbarschaft – jene Kategorie, die Rappo in seiner Forschung eigentlich interessiert – dabei eine Rolle spielte, ist in den Quellen indes nur schwer zu greifen.

Insgesamt, so zeigte sich, sind die Ansätze und inhaltlichen Schwerpunkte der drei Forschungsgruppen gemäss ihren jeweiligen nationalen Traditionen und ihrer institutionellen Umgebung recht verschieden. So endet dieser Bericht mit einem Plädoyer für die Vielstimmigkeit historischer Akteure, die Verallgemeinerungen nur schwer zulässt, und mit der Feststellung, dass die Konfrontation mit unterschiedlichen Traditionen, Ansätzen, Methoden und Terminologien an einer internationalen Tagung das Bewusstsein schärft für inhaltliche Entscheidungen in der Arbeit am eigenen Material. Eine Tagung, die einen Austausch von Nachwuchshistorikerinnen und -historikern in den Vordergrund stellt, könnte indes vielleicht auch noch einen Schritt weitergehen und ausgehend von der Diversität – der Quellen, der Methoden, der historiographischen Praxis – versuchen, das Gemeinsame und das Trennende zwischen den Projekten noch konkreter zu benennen und so neue Orientierungspunkte schaffen, die gerade für Qualifikationsarbeiten wertvoll sein könnten.




Anmerkungen
1 Der Autor des Berichts ist Koordinator des Sinergia-Projekts „Doing House and Family“
2 Vgl. Warren Sabean, David; Teuscher, Simon: Kinship in Europe. A New Approach to Long Term Development, in: Dies.; Jon Mathieu (Hrsg.): Kinship in Europe. Approaches to Long-Term Development (1300-1900), 1-32.
3 Eine Einführung zu dieser Methode findet sich auf der Projektwebsite.
4 Für den Gebrauch im lateinamerikanischen Raum vgl. Milanich, Nara: The Casa de Huerfanos and Child Circulation in Late Nineteenth-Century Chile, in: Journal of Social History 38/2 (2004), 311-340; Leinaweaver, Jessaca B.: The Circulation of Children. Kinship, Adoption, and Morality in Andean Peru, Durham 2008; eine Adaption für die europäische Frühe Neuzeit bei Harrington, Joel F.: The Unwanted Child. The Fate of Foundings, Orphans, and Juvenile Criminals in Early Modern Germany, Chicago 2009.
5 Für Spanien, Frankreich, Italien vgl. Gouesse, Jean-Marie: Mariages de proches parents (XVIe-XXe siècle), in: Le modèle familial européen, Rom 1986, 31-61; für die Schweiz vgl. Mathieu, Jon: Kin Marriages. Trends and Interpretations from the Swiss Example, in: Warren Sabean, David; Teuscher, Simon; Mathieu Jon (wie in Anm. 1), 211-230.




Konferenzübersicht:

Introductions:

Joachim Eibach (Berne, Switzerland)
Doing House and Family: a brief presentation

Nina Javette Koevoed (Aarhus, Denmark)
Lumen (Lutheran Mentality): a brief presentation

Maria Ågren (Uppsala, Sweden)
GaW (Gender and Work): a brief presentation

Key Lecture:

Jon Mathieu (Lucerne, Switzerland)
The Family in Early Modern State Theories

Project Presentations:

Elise Voerkel (Basel, Switzerland)
Child Circulation and Shared Parenting in Bourgeois Families in Switzerland around 1800

Anette Larner (Aarhus, Denmark)
The Good Household in Prison, the Bad Household Imprisoned

Arno Haldemann (Berne, Switzerland)
Making a Marriage: Precarious Marriages between ‘Eigensinn’ and Population Policy in the Canton of Bern (1743-1865)

Christoffer Åhlman (Uppsala, Sweden)
By her own hand – women’s writing and counting in 18th century Sweden

Anne Schillig (Lucerne, Switzerland)
House Histories: Material Culture and Domestic Life in Rural Switzerland (1700-1900)

Carolina Menker (Uppsala, Sweden)
Supporting oneself or being supported? Old age in eighteenth-century rural Sweden

Maria Nørby Pedersen (Aarhus, Denmark)
Begging in conflict with the household society

Eric Häusler (Berne, Switzerland)
Shifting Assets and Liabilities of Households: Bankruptcy Proceedings and the Transformation of Urban Bern (1750-1900)

Andres Wulff Vissing Christensen (Aarhus, Denmark)
Interpreting and Mediating. Political Culture in the Ecclesiastical Administration of Denmark-Norway, 1700-1746

Caroline Lindroth (Uppsala, Sweden)
Mining Men and Working Women: Making a Living in a Swedish Mining Community, 1770-1890

Lucas Rappo (Lausanne, Switzerland)
Constructing and Using Kinship and Neighborhood in Corsier-sur-Vevey: Marriages and Mortgages (1770-1840)

Marie Ulväng (Uppsala, Sweden)
Housework in change – Housing and domestic work in rural Sweden 1850-1910

Sophie Ruppel (Basel, Switzerland)
Nature Indoors: Cultivating Plants Inside Houses (18th and Early 19th Centuries)

Dag Lindström & Göran Tagesson (Uppsala, Sweden)
Doing flexibility: Houses, households and cohabitation in 18th century Linköping

Veranstaltung: 
Doing House. Social, Cultural and Political Practices in Early Modern Europe
Organisiert von: 
Royal Academy of Letters, History and Antiquities (Stockholm) in Zusammenarbeit mit dem Gender and Work Research Project (Uppsala)
Veranstaltungsdatum: 
11.06.2018 bis 12.06.2018
Ort: 
Stockholm
Sprache: 
d
Report type: 
Conference