Mina Hofstetters viehloser biologischer Landbau (1915–1950)

AutorIn Name 
Karin Winistörfer
Art der Arbeit 
Lizentiatarbeit / Mémoire de licence
Stand 
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name  
Prof. Christian Pfister
Kodirektion 
Institution 
Historisches Institut
Ort 
Bern
Jahr 
2000/2001
Abstract 


Biobäuerin, Vegetarierin und Anhängerin der Lebensreform: Mina Hofstetter (1883–1967) war eine vielseitig interessierte Frau, die Wege ging, welche nicht nur für ihre Zeit unkonventionell waren. Sie führte selbstständig einen Bauernhof, auf welchem sie die Tierhaltung abschaffte und die viehlose, biologische Landwirtschaft einführte.

Die Grundsätze der Lebensreformbewegung nahmen in ihrem Leben sehr viel Raum ein: Mina Hofstetter war Vegetarierin, lebte zeitweise sogar von Rohkost, wodurch sich ihr schlechter Gesundheitszustand massiv verbesserte. Sie richtete auf ihrem Hof im zürcherischen Ebmatingen ein Kurszentrum sowie ein Licht-, Luft- und Sonnenbad ein. Sie war Anh ängerin der Freiwirtschaftsbewegung. Schliesslich hatte Mina gemeinsam mit ihrem Mann Ernst Hofstetter sieben Kinder.

Heutzutage ist Mina Hofstetter kaum mehr jemandem ein Begriff. Sie hat zwar für den biologischen Landbau Pionierarbeit geleistet, doch ist dies in Vergessenheit geraten. Die Lizentiatsarbeit soll dazu beitragen, einige Aspekte des Lebens dieser vielseitigen Frau zu beleuchten.

In der Arbeit stellt der biografische Zugang ein methodisches Mittel dar: Ziel der Untersuchung ist nicht allein, eine Biografie von Mina Hofstetter zu schreiben. Vielmehr werden an ihrem Beispiel auch die Pionierzeiten des Biolandbaus beleuchtet. Die leitenden Fragestellungen der Arbeit lauten demnach: Wer war Mina Hofstetter? In welchem Kontext lebte und arbeitete sie? Welche Einflüsse (Biolandbau, Lebensreform etc.) nahm sie auf und entwickelte sie weiter?

Eine Biografie einer Biobäuerin zu schreiben und diese als Beispiel für eine grössere Entwicklung zu präsentieren, erfordert geradezu eine interdisziplinäre Herangehensweise. Es werden Methoden, Erkenntnisse und Verfahren der Geschichtswissenschaft, der Naturwissenschaften (Nährstoffversorgung und Düngung der Pflanzen, Methoden im Biolandbau) sowie der Soziologie angewandt. An Inhalten thematisiert werden neben den bereits genannten auch die Ansichten und Methoden von Pionieren und Pionierinnen des biologischen Landbaus sowie im Anhang der Arbeit der Entstehungskontext und verschiedene Richtungen des biologischen Landbaus.

Der zeitliche Rahmen der Lizentiatsarbeit spannt sich von 1915, als Mina Hofstetter die Arbeit als Bäuerin aufnahm, bis ins Jahr 1950. Den räumlichen Rahmen gibt vorwiegend der landwirtschaftliche Betrieb von Mina Hofstetter ab.

Der Quellenbestand zu Mina Hofstetter beinhaltet mehrere Bücher, Zeitschriftenartikel, ein kurzes handschriftliches Tagebuch, ein Gästebuch sowie einige Postkarten und Fotografien. Nicht überliefert ist der Briefwechsel der Bäuerin, welcher sehr umfangreich gewesen sein muss.

Die Forschungsliteratur deckt die Themenbereiche dieser Lizentiatsarbeit unterschiedlich gut ab: Über Mina Hofstetter selber ist bisher nur sehr wenig publiziert worden. Ebenfalls selten sind historische Darstellungen zum Biolandbau. Eine viel grössere Menge an Literatur steht hingegen für andere Themen zur Verfü- gung: Insbesondere der heutige biologische Landbau ist sehr detailliert und fundiert dokumentiert. Ähnlich vielfältig ist die Literatur zum Thema Biografieforschung sowie zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des (Bio-) Landbaus. Gut aufgearbeitet ist ferner der Themenbereich Lebensreform mitsamt den zahlreichen Einzelbewegungen (Ernährungsreform, Vegetarismus, Nacktkultur, Bodenreform, Freiwirtschaft, Tierschutz, Naturheilkunde, etc.).

Theorien und Methoden der Biografieforschung bilden den theoretischen Rahmen der Lizentiatsarbeit. Allerdings wird keine Biografie im klassischen Sinn beabsichtigt. Die Lizentiatsarbeit bietet demnach keine chronologische Abhandlung von Mina Hofstetters Leben. Vielmehr ist die Biografie Hofstetters in den zeitgenössischen Kontext eingebettet und vom chronologischen Erzählen weitgehend abgelöst. Der Fokus liegt deshalb auf einzelnen Ausschnitten und Aspekten des Lebens der Biobäuerin wie etwa ihren lebensreformerischen Überzeugungen, den Methoden der Bodenbearbeitung und Düngung etc.

Durch Einbezug feministischer Ansätze in der Biografieforschung können Erklärungen dafür gefunden werden, dass Mina Hofstetter ñ und mit ihr viele Frauen ñ trotz bedeutender Leistungen heutzutage in Vergessenheit geraten sind.

Die Ideen, welche Mina Hofstetter vertrat, sind vielfach als sehr innovativ zu bezeichnen, insbesondere der viehlose biologische Landbau. Bei der biologischen Bewirtschaftung ihres Hofes nutzte sie Methoden, welche vor der Industrialisierung der Landwirtschaft Anwendung gefunden hatten. Die Biobäuerin war deshalb keineswegs eine Konservative, welche das Heil in der Vergangenheit suchte. In gewisser Hinsicht mag sie eine unerbittliche Kritikerin der Modernisierung gewesen sein, eine Ruferin in der Wüste und eine unverbesserliche Idealistin. Andere Reformen entsprangen zwar einer Modernitätskritik, erwiesen sich aber durchaus als fortschrittlich: Licht-, Luftund Sonnenbäder entkrampften das Verhältnis zum eigenen Körper und dienten der Gesundheit. Die freiwirtschaftliche Theorie wies revolution äre Züge auf. Dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade eine Frau selbstst ändig und selbstbewusst ihren Weg fand und ging, ist besonders bemerkenswert.

Auf jeden Fall aber entwarf sie gangbare, zukunftsträchtige Alternativen zur Entwicklung ihrer Zeit. Was sie gegenüber zahlreichen Theoretikern auszeichnet ist, dass sie diese Alternativen mit grosser Konsequenz lebte.